New MMSA spank logo

Alfies Streiche
6 – Alfreds Ferien - Old Ironhorse

by Cembalo

Go to the contents page for this series.

Copyright on this story text belongs at all times to the original author only, whether stated explicitly in the text or not. The original date of posting to the MMSA was: 03 Apr 2018


Alfies Streiche – Sechste Geschichte

Alfreds Ferien – Old Ironhorse

Die Geschichten, die Moritz Seewald dem kleinen Alfie erzählt, beziehen sich teilweise auf die Geschichte Auf der Schwäbischen Eisenbahn. Diese Teile werden von Alfie nur kurz angesprochen.

 

Dienstag, den 8. August 1978

Mein erstes Tagebuch!

Titel: Old Ironhorse

Mama musste zurück, um auf dem Hof mitzuhelfen, aber sie wartete noch den halben Vormittag, bis der große, schwarze Mercedes über den Bahnübergang rollte.

Oma hatte uns ein gaaanz tolles Frühstück hingestellt, mit Strudel, Zwetschgenklößen, und allen Sachen, die wir so gerne mochten, und Mama und ich machten einen Wettbewerb, wer am besten schmatzen konnte. Bald lachten wir mehr, als wie wir schmatzten, und unsere Gesichter waren ganz blau und rot von dem vielen Gsälz.

Zuhause hatten wir selten viel Zeit, um lange zu frühstücken, darum machte es uns jetzt besonders viel Spaß!

Es war doch noch so schön gekommen, mein Hinterer brannte nur noch ein bisschen, und es war ein ganz tolles Gefühl gewesen, die Mama einmal ganz für mich alleine zu haben!

Aber jetzt war es leider vorbei, sie ging hinein, um sich zu waschen, und als sie zurück kam, hatte sie den Waschlumpen dabei.

Halt still, Alfie, wenn der Onkel Moritz dich so sieht, rennt er schreiend wieder davon!

Da musste ich wieder kichern. Der Onkel sprach im Garten eine Weile mit der Oma, dann kamen beide herein. Er zwinkerte mir zu, dann ging er zu der Mama, und die beiden umarmten sich lange und sehr eng. Da ging mir auf, wie sehr Mama den Onkel Moritz mochte!

Es ist so schön, dass du da bist, Moritz, sagte die Mama leise, da geht es mir gleich viel besser!

Er grinste wie ein Schelm und strich ihr über die Haare, als wäre sie noch ein kleines Mädchen. Und es ist schön, dass du auf mich gewartet hast, Anne! Ich habe dich schon so lange nicht mehr gesehen!

Sie umarmten sich noch einmal. Dann drehte er sich zu mir. Hallo, Alfie, sagte er nur, du bist ganz schön groß geworden!

Das war das Beste, was er zu mir sagen konnte, und ich strahlte. Schon war er mir simpatisch. Aber es wurde noch toller, denn er hatte eine Tüte bei sich, und die gab er mir.

Ich habe gehört, Alfred, die kleine Lok, die ich euch letztes Jahr gegeben habe, hat ein bisschen Ärger bereitet! Diesmal war ich nicht so dumm, und habe für deine Brüder auch etwas mitgebracht!

Da wurde ich knallrot, weil ich merkte, dass Mama ihm wohl erzählt hatte, wie sehr wir uns über die schöne, rote Lok gezankt hatten, die er uns damals geschenkt hatte. Verlegen nahm ich die Tüte, aber als ich nach oben sah, tat er gar nicht belustigt, wie die Erwachsenen das so machen, sondern er schien es wirklich für seinen eigenen Fehler zu halten!

In der Tüte waren drei schöne, glänzende Blechschachteln, auf denen Märklin stand, und darunter waren Namen eingraviert: Alfred, Lukas und Jackson. Als ich zitternd vor Neugier meine Schachtel aufmachte, kam wieder eine rote Diesellok zum Vorschein: Aber eine viel größere!

Das ist die BR 218, sagte er. Gefällt sie dir?

Ich war sprachlos. Wir hatten auf unserem Zimmer eine kleine Eisenbahn aufgebaut, aber wir hatten bisher nur die winzige schwarze Tender – Dampflok und eben die kleine Diesellok. Begeistert nahm ich die Lok heraus, und sah sie mir an. Wie groß und schwer sie war! Wie wunderschön!

Äh, ich wollte euch zuerst allen die gleiche Lok kaufen, Alfie, sagte der Onkel etwas verlegen, aber ich befürchte, ich bin in dem Laden in Stuttgart ein wenig dem Kaufrausch verfallen. Ich hoffe, ihr versteht das richtig! Fragend sah ich ihn an, und er zeigte auf die beiden anderen Schachteln.

Ich öffnete vorsichtig die vom Lukas, sah es grün schimmern, und ließ fast die Blechschachtel fallen! Der Lukas würde einen Schreikrampf kriegen!

Dann nahm ich ehrfürchtig das lange, grüne Krokodil heraus, unser aller Traum!

Das... das... Ich wusste nichts zu sagen. Der Onkel grinste. Ich musste aufpassen, dass ich nicht heulte, als ich die wundervolle, schweizerische Lok anschaute.

Dann nahm ich Jacksons Schachtel. Ich hatte gedacht, er habe für meinen kleinen Bruder eine gekauft, die kleiner und dafür besonders robust war, denn er war immer noch ein bisschen schusslig, und setzte sich gerne auf so was drauf. Aber da hatte ich mich getäuscht!

Es war eine traumhafte, elend lange, schwarze Schnellzugdampflok, mit vier riesigen, leuchtend roten Räderpaaren in der Mitte und je zwei kleineren, aber genauso roten Räderpaaren vorne und hinten. Der angehängte Tenderwagen alleine war fast so lang wie unsere kleine Dampflok aus dem Startsortiment.

Die Lok war so schön! Sie glänzte verheißungsvoll in tiefem Nachtschwarz und strahlendem, satten Feuerrot, und es war ein ganz tolles Gefühl, sie in der Hand zu halten!

Schon spürte ich einen Anflug von Neid.

Ich hoffe, du bist nicht sauer, Alfred, dass du nicht die aufwendigste Lok bekommen hast, sagte Onkel Moritz, als hätte er es erraten. Aber als ich mal eine Weile bei meinen Vettern gewohnt habe, hatte ich den Eindruck, dass der Jüngste gerne zu kurz kommt. Darum wollte ich dem Jackson die schöne 05er Lok geben!

Verlegen und vorsichtig packte ich die prächtige Lok in die Schachtel zurück. Langsam ging mir auf, dass der Onkel Moritz uns nicht nur drei wunderschöne Lokomotiven schenkte, sondern auch erwartete, dass wir damit gemeinsam und ohne Streit spielten.

Und dann dachte ich daran, was für große Augen meine Brüder machen würden, wenn sie die Geschenke auspackten, und wie sehr sie sich freuen würden! Da schämte ich mich sehr, weil ich einen Moment neidisch auf den Jackson geworden war, und ich beschloss, ihn mit meiner schönen Diesellok so oft spielen zu lassen, wie er wollte.

Die Mama sah zu, wie ich mir die herrlichen, sündhaft teuren Lokomotiven ansah, und ich dachte schon, dass sie protestieren würde, weil er uns so viel schenkte, doch sie sagte nichts und grinste nur. Das ist eben der Moritz, schien ihr Blick zu sagen.

Mama musste dann gehen. Schade, dass ich dir nicht helfen kann, Mutter, sagte sie, als sie sich in der Küche von Oma verabschiedete.

Aber ich helfe dir gerne beim Kochen, Doris! sagte da der Onkel.

Ich auch!, krähte ich. Ich konnte mich nicht erinnern, dass der Opa unserer Oma je beim Kochen geholfen hätte.

Mama verabschiedete sich von Oma und dem Onkel Moritz, dann beugte sie sich zu mir und gab mir einen Kuss. Ade, mein großer, kluger Junge!, sagte sie, sehr zu meinem Stolz, und hab heute Mittag viel Spaß!

Ich nickte. Tschüss, Mama! Ich überlegte etwas, dann gab ich ihr auch einen Kuss. Den hatte sie sich wirklich verdient!

Es machte richtig Laune, mit der Oma und dem Onkel Moritz das Mittagessen zu kochen, weil der sich manchmal absichtlich ungeschickt anstellte und so tat, als könne er nicht mal ein Feuer machen. Dann klatschte die Oma die Hände zusammen, und verschimpfte ihn, und ich kicherte die ganze Zeit, weil ich wusste, dass die beiden bloß Komödie spielten!

Es gab Omas leckere Rindsrouladen mit Hochzeitsnudeln, mein Lieblingsessen, und nach dem Essen bestand der Onkel darauf, beim Abwasch zu helfen. Und danach rauchte er, wie es Pa vorausgesagt hatte, eine von Opa Henrys stinkigen Zigarren.

Er bot mir keine davon an, wie es der Opa manchmal ziemlich großspurig tat, und das fand ich gut, denn ich wollte das eklige Zeugs sowieso nicht, und Opa hätte mir doch keine gegeben, wenn ich ja gesagt hätte.

Tja, Alfie, jetzt müssen wir uns überlegen, was wir heute Mittag noch so tun, und vor allem , wo – weil, deine Oma hat mir schon das letzte Mal versprochen, dass sie mich mit dem Besen aus dem Haus jagt, wenn ich wieder eine teure Havanna von deinem Opa klaue!

Die fuhr empört auf, und ich kicherte schon wieder, weil er die Oma ärgerte.

Ja, macht bloß, dass ihr Land gewinnt, ihr Zwei, sonst staubts!, sagte sie und sah sich nach dem Reißigbesen um. Lachend sprangen wir auf, und taten so, als würden wir flüchten. Aber dann drehten wir um und gaben der Oma beide einen Kuss.

Wir bleiben nicht allzulange weg, versprach Onkel Moritz leise.

Oma sah uns traurig an. Es tut mir so sehr Leid, dass es so weit gekommen ist, Alfie, denn der Moritz wird dir noch mehr von deiner Unschult nehmen, wenn auch nicht so schlimm und gemein wie dein Opa Heiner. Ich hätte dir das alles so gerne erspart, und ich werde es dem Opa nicht verzeihen, was er euch angetan hat!

Sie begann zu weinen, und es erschreckte und verwirrte mich.

Der Onkel nahm sie in die Arme und redete leise mit ihr. Was meinte Oma damit, dass er mir meine Unschult nehmen würde?

Sie redeten eine ganze Weile, dann sah mich Oma an, sie versuchte zu lächeln, drehte sich dann aber um und ging zum Haus zurück. Der Onkel streckte eine Hand aus.

Tut mir leid Alfie. Aber es wird nicht so schlimm werden, wie es sich gerade angehört hat. Ich will dir nur eine Geschichte erzählen, das ist alles!

Ich war immer noch etwas bange, aber inzwischen mochte ich den Onkel Moritz schon ganz gerne. Ich legte meine Hand in seine, und er brachte mich zu seinem Auto. Er zog mich um es herum, und öffnete die Beifahrertür. Wohin, Herr Graf?, fragte er, wie der Chauffeur von Graf Yoster.

Hi, hi, ähm, nach Bad Waldsee, glaube ich! kicherte ich.

Nach Bad Waldsee! Sofort, Herr Graf! sagte er mit der Stimme von Wolfgang Völz, schloss den Schlag, rannte um den Mercedes herum und stieg selber ein. Es passte genau, er hatte einen schwarzen Anzug und eine graue Krawatte an, es fehlte nur...

Wo hast du deine Melone gelassen, Johann? fragte ich mit dem herablassenden Ton des Grafen Yoster.

Verzeihung, Herr Graf! Ich hatte Hunger – und eine Melone ist besser als nichts!

Dann schleckte er mit der Zunge, und ich musste furchtbar lachen. War das lustig! Aber als der Onkel Moritz losfuhr, und wurde er wieder ernst.

Also, Alfie, wenn es dir recht ist, würde ich dich gerne in Bad Waldsee zu einem Eis einladen. Und dann möchte ich noch einen kurzen Besuch auf dem Hof meines Vetters in der Nähe von Durlesbach machen!

Was, das von der Schwäbischen Eisenbahn?

Ganz genau das! Als ich das erste Mal dort war, bin ich sogar noch mit dem echten, alten Bummelbähnle gefahren!

Da sah ich unweigerlich ein Bild vor mir, wie der Onkel mit einem Strick an den hinteren Waggon gebunden wurde, aber das war natürlich dämlich!

Ach, das war ja ein Geißbock!

Was meinst du, Alfie?

Ähm, nichts!

Wir warteten an der reparierten Schranke, bis der Zug durchgefahren war. Jedesmal, wenn ich die sah, fing mein Hintern automatisch an zu brennen, und ich schämte mich. Meine Hände fuhren nach hinten und rieben meine Lederhose, obwohl ich die Schläge von Mama kaum mehr spürte.

Der Onkel bemerkte, was ich tat. Hm, hast du immer noch ein schlechtes Gewissen, Alfie?, fragte er.

Da wurde ich etwas rot, weil ich merkte, dass der Onkel die Geschichte mit dem Heuwagen auf dem Bahnübergang kannte!

Öhm, ja, sagte ich und wurde noch röter, manchmal ist es ziemlich doof, wenn ich was ausprobire!

Der Onkel grinste. Das hast du von deinem Opa, Alfie! Der musste auch immer alles ausprobiren und erforschen!

Das konnte ich fast nicht glauben. Der schimpfte doch schon, wenn ich nur daran dachte, was zu probiren!

Dann war der Zug vorbei, und die Schranken gingen hoch. Der Onkel fuhr an und ruckelte langsam über den unebenen Bahnübergang.

Dein Opa Henry war der frechste und neugierigste Bengel weit und breit!, erklärte er. Nichts war vor ihm sicher! Er trieb seine Tante fast in den Wahnsinn, weil er ständig etwas anstellte, und in der Schule war er berüchtigt wegen seiner Streiche! Er wurde laufend verdroschen, aber das nutzte nichts!

Ich konnte mir den Opa gar nicht als kleinen Jungen vorstellen, und schon gar nicht als einen frechen Lausbuben, der lauter Streiche machte. Der Onkel sah meinen Blick, griff in seine Jacke, holte seine Brieftasche heraus und gab sie mir.

Schau mal rein, Alfie. Da muss ein altes Schwarzweißfoto drin sein!

Neugierig öffnete ich sie. Drin war ein ziemlich dickes Bündel D – Mark Scheine, aber auch ein paar vergilbte Papiere. Dann sah ich das Foto. Es war sehr klein, und hatte einen altmodischen, gezackten Rand.

Darauf waren zwei Buben abgebildet, ein älterer, fünfzehn– oder sechzehnjähriger Jüngling, der wie ich eine ziemlich knappe, kurze Lederhose trug, dazu einen dicken Pullover und eine große, lustige Mütze. Daneben stand ein kleiner, grinsender, sommersprossiger Junge in einem seltsamen, grauen Wollanzug, dessen kurze Hose sich fast bis zu seinen Knien hinunter ausdehnte. Er hatte einen hellen, dichten Schopf, den irgend jemand glatt gebürstet hatte, der aber trotzdem in alle Richtungen dicke Haarbüschel abspreizte. An den Füßen trug er Holzschuhe.

Das ist dein Opa, Alfie. Damals sah er aus wie ein kleiner, grüner Kobold!

Zweifelnd sah ich das Foto nochmal an. Dieser kleine Bub war mein Opa? Langsam dämmerte mir, dass der graue Wollanzug auf dem Schwarzweißfoto in Wahrheit grün wahr, und die Haare in Wirklichkeit dunkelrot, so, wie meine eigenen. Plötzlich fiel mir ein, dass mir die Oma schon ähnliche Fotos in ihrem großen Album gezeigt hatte, aber irgendwie hatte ich nie registriert, dass der kleine Junge mein Opa war!

Warum trägt er so einen komischen Anzug?, fragte ich zweifelnd.

Der Onkel fuhr auf einen schattigen Parkplatz, stieg aus und zog seine schwarze Jacke aus. Es war sehr heiß. Meine nackten Beine klebten schon vom Schweiß an dem hellbraunen Leder des Beifahrersitzes. Er war sehr edel, und er hatte sogar einen Sicherheitsgurt an der Seite, den aber niemand benutzte. Ich stieg auch aus und rieb meine nassen Schenkel.

Der Onkel und die Tante vom Heinerle hatten wenig Geld. Damals behalf man sich, und die Tante Frieda, deine Urgroßtante, strickte ihm aus billiger grüner Wolle den Anzug. Er hat ihn gar nicht gemocht, die Hose rutschte ihm ständig den Hintern hinunter, aber so waren halt die Zeiten. Die Leute waren froh, wenn sie überhaupt Arbeit hatten, und Heiners Onkel hatte als Schrankenwärter ein kleines Auskommen und ein Heim, aber mehr auch nicht!

Er legte seine Jacke auf die Rückbank, band dann die Krawatte auf und legte sie dazu.

Und der größere Junge bist du?

Er nickte grinsend. War ich nicht ein fescher Kerl? Mir ging es nicht viel besser als deinem Opa. Meine Mutter lebte von einer kleinen Rente und von Heimarbeit, und ich besaß, bis ich siebzehn war, außer dieser Ledernen keine einzige gescheite Hose! Erst, als ich sie überhaupt nicht mehr über den Hintern kriegte, kaufte mir meine Mutter eine Knickerbocker, wie sie damals Mode waren.

Ich sah ihn mir nochmal an. Das Gesicht war wegen der großen Mütze ziemlich dunkel, aber es war sehr hübsch. Er lachte auf dem Foto freundlich, und mit seiner kleinen Stupsnase und den etwas abstehenden Ohren, die man grade noch erkennen konnte, sah er wie ein Lausbub aus. Verstohlen sah ich nach oben und studierte die Ohren des Onkels.

Aber er hatte seine schwarzen, dicken Locken ziemlich lang, wie es heutzutage Mode ist, und ich konnte sie nicht richtig sehen. Doch der Onkel verstand.

Sie stehen immer noch ab, Alfie!, sagte er lachend, manche Dinge kann man nicht ändern!

Da sah ich ihn mit anderen Augen. Er war einige Jahre älter als der Opa, aber er sah viel jünger aus als der! Sein Haar war immer noch schwarz, nur hier und da waren ein paar silberne Fäden dazwischen. Er hatte Falten auf der Stirn, aber weniger als der Opa, und er wirkte auf mich kaum älter als mein Pa, obwohl er doch über Sechzig sein musste!

Und er arbeitete noch bei der Bahn, während der Opa schon pensioniert war. Wieder sah ich auf das Foto, während Onkel Moritz sich die Füße vertrat, und sich eine Zigarette ansteckte. Opas Gesicht erinnerte mich an irgendjemand. Und da sah ich plötzlich meinen kleinen Bruder vor mir! Er sah genauso aus wie Jackson!

Das haute mich fast um! Ich setzte mich auf eine der Bänke am Rand des Parkplatzes und starrte auf das Foto. Das war Jackson! Er grinste genauso, wenn er etwas ausheckte, rotzfrech, und gleichzeitig unschultig.

Der Onkel setzte sich neben mich. Ihr seid euch sehr ähnlich, du, und dein Opa!

Das ist doch der Jackson, wollte ich sagen, doch dann begriff ich, und nickte nur. Ich und mein kleiner Bruder waren uns auch sehr ähnlich, also galt für mich wohl, was für Jackson galt. Wieder sah ich auf das Bild.

Wann wurde das Foto gemacht?, fragte ich leise.

Im Herbst 1932. Da hab ich deinen Opa zum zweiten Mal getroffen!

Ich rechnete nach. Das war ja vor fast fünfzig Jahren!

So eine lange Zeit konnte ich mir gar nicht vorstellen. Wieder schaute ich den Onkel Moritz an und staunte, wie jung der noch wirkte! Dabei war er viel älter als alle Leute, die ich sonst kannte!

Vor sechsundvierzig Jahren war das, sagte er etwas wehmütig, lange her. Dein Opa war gerade neun geworden, ich war fünfzehn! Er schnippte die Zigarette auf den Boden, und trat sie aus.

Warum kanntet ihr euch, Onkel Moritz? Ich meine...

Warum wir so gute Freunde waren, obwohl ich viel älter war, meinst du? Das hing mit unseren Schicksalen zusammen, Alfie!

Der Onkel lehnte sich auf der Bank zurück, und erzählte mir, wie er zum ersten Mal mit der Schwäbischen Eisenbahn nach Durlesbach gekommen war, damit ihm sein Onkel die Leviten las. Wie er am dortigen Bahnwärterhaus den Heiner und die Tante Frieda getroffen hatte, und wie ihn mein Opa dann zum Hof des Onkels führte.

Und als wir da durch die Wiesen stapften, mit nackten Füßen, und miteinander über unsere Familien sprachen, da ist etwas geschehen, Alfie. Ich hatte durch den ersten Weltkrieg keinen Vater mehr, und mein Opa, der für mich deswegen der Papa war, starb Ende 1930. Das war sehr schlimm für mich, und für meine Mutter natürlich auch. Und der Heiner hatte seine Eltern bei dem furchtbaren Brand verloren, als er gerade drei Jahre alt war. Dadurch fühlten wir uns verbunden. Das Heinerle nahm da plötzlich meine Hand, und ich nahm die Seine. Ich war ein Einzelkind, wegen des Krieges, und plötzlich hatte ich einen kleinen Bruder!

Da begriff ich zum ersten Mal richtig, wie sehr der Onkel Moritz meinen Opa mochte! Vorsichtig nahm ich seine Hand. Ich wollte etwas sagen, aber dann blieb ich lieber still. Lange saßen wir da, und ich hielt seine Hand.

Ich wusste natürlich, dass Opas Eltern, meine Urgroßeltern, gestorben waren, als in der Nacht ihr Haus abbrannte. Das hatte ich schon von Mama und Pa, und auch von der Oma gehört. Nur Opa Henry sprach nie darüber.

Schließlich gingen wir zum Mercedes zurück, Hand in Hand. Es war mir plötzlich überhaupt nicht mehr peinlich, dass mich ein Erwachsener führte, wie ein kleines Kind. Der Onkel sah den nassgeschwitzten Sitz.

Warte kurz!, sagte er, ging nach hinten, öffnete den großen Kofferraum und holte ein Handtuch heraus. Er faltete es noch einmal und legte es auf meinen Sitz.

Diese Ledersitze sind nicht für nackte Beine geschaffen, sagte er grinsend, aber so müsste es gehen! Dankbar setzte ich mich auf das Handtuch, der Onkel stieg ein und startete den schweren Motor.

Warum ist das Haus denn damals abgebrannt?, fragte ich schließlich, während Onkel Moritz wieder auf die Straße fuhr. Das hatte ich mich schon früher gefragt, aber niemand schien die Antwort zu wissen. Doch mein Begleiter wusste sie.

Aus dem schlimmsten Grund, den es überhaupt gibt, Alfie. Aus Hass!

Aus Hass? Ich fiel aus allen Wolken. Ich hab gedacht, er sagt aus Pech, oder wegen eines Unglücks. Aber aus Hass??

Ja. Ich werde es dir erklären, Alfie, deshalb sind wir heute zusammen, aber es ist keine schöne Sache. Wenn du sie nicht hören willst, brauchst du es nur zu sagen, dann reden wir über etwas anderes, etwas weniger Düsteres!

Ich schüttelte den Kopf. Langsam begriff ich mehr und mehr, was Pa gemeint hatte, als er sagte, ich müsse mehr Verantwortung übernehmen!

Erzähl es mir! sagte ich, halb neugierig, halb ängstlich.

Gut. Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Dein Uropa, Heiners Vater, war, genau wie meiner, im ersten Weltkrieg in Frankreich, in den Stellungen um Verdun, diesem Höllenloch! Hast du davon schon gehört, Alfie?

Ich nickte. Ich wusste, dass dort viele tausende von Soldaten gefallen waren.

Dein Uropa hatte ein kleines bisschen mehr Glück als mein Vater, denn er wurde nicht getötet, aber dafür schwer verletzt. Er kam als Kriegsgefangener in ein Lazarett in der Bretagne. Dort pflegte ihn eine irische Krankenschwester!

Das wusste ich natürlich, denn von dieser Krankenschwester hatte ich mein rotes Haar und meine vielen Sommersprossen!

Die Liebe zweier Menschen zueinander ist stärker als der Hass von Völkern, Alfie, und so war es auch mit der Liebe des deutschen Soldaten zu der irischen Krankenschwester. Als der Krieg aus war, heirateten die beiden und gingen nach Irland!

Nach Irland? Davon hatte ich noch nie gehört! Aber wenn sie gar nicht hier gewesen waren...

Aber in Irland gab es nach dem großen Krieg Unruhen, fuhr Onkel Moritz fort, die Iren wollten nicht mehr unter englischer Herrschaft stehen, und es kam zu einem Unabhängigkeitskrieg! Deine beiden Urgroßeltern kamen daher 1921 zurück nach Deutschland, weil sie es dort für sicherer hielten. Leider war das ein Irrtum!

Der Onkel seufzte. Dann starb der Vater deines Uropas, und die beiden übernahmen seinen kleinen Hof, nicht weit weg von dem Bahnwärterhaus, in dem deine Großeltern jetzt leben!

Ich nickte. Ich kannte die Stelle, die Oma hatte sie mir schon gezeigt. Sie lag schön zwischen zwei kleinen Hügeln, aber außer einem kleinen Schuppen gab es dort heute nur Dickicht.

Dort kam dein Opa zur Welt. Sein Vater hatte, wie sein Bruder, eine Stelle bei der Reichsbahn bekommen. Alles sah gut aus, aber es gab böse Leute, die es nicht verknusen konnten, dass das Deutsche Reich den Krieg verloren hatte!

Da begann ich zu begreifen, was kommen würde. Ich legte meine Hand auf den rechten Arm des Onkels und der hielt inne.

Lass mich weiter erzählen, Onkel Moritz, sagte ich ganz leise.

Bitte!

Er sah mich überrascht an, doch dann nickte er. Ich lehnte mich zurück, und machte die Augen zu. All die Bilder, all die Andeutungen, die ich irgendwann mitbekommen hatte, verbündeten sich zu einem einzigen, großen Gemälde. Einem sehr hässlichen, sehr schlimmen Gemälde.

Sie mochten Opa Henrys Mutter nicht, weil sie eine Ausländerin war, flüsterte ich, nein, sie hassten sie, weil sie für die eine Feindin war. Sie wollten sie nicht haben, aber weil sie nicht ging, haben sie das Haus angezündet. Mitten in der Nacht, als alle schliefen!

Plötzlich schwappte es über mir zusammen, wie eine Riesenwoge. Was für eine Gemeinheit, was für eine Ungerechtigkeit! Ich sah den kleinen Hof brennen – und dann sah ich plötzlich, was ich kurz vor dem Beginn der Ferien in der Schule gesehen hatte. Mir blieb die Luft weg.

Oh mein Gott! Onkel Moritz trat auf die Bremse, dass es quietschte, fuhr an den Straßenrand, und beugte sich zu mir hinüber. Ich fühlte seine Hand an meiner Stirn.

Alfred, kannst du noch atmen? Da erst merkte ich, wie arg ich keuchte.

Äh, ja, es geht schon wieder! Ich versuchte, mich aufzurichten, aber ich zitterte am ganzen Leib. Der Schweiß lief mir in Strömen runter, und ich sah, wie erschrocken mich der Onkel ansah. Ich versuchte es zu erklären, denn er dachte jetzt bestimmt, das käme allein von der Geschichte, die er mir erzählt hatte.

Ähm, Onkel Moritz, ich hab was ganz Blödes gemacht! Und jetzt geht es mir immer ganz, ganz schlecht, wenn ich nur dran denke!

Er sah mich nur an. Ich wollte es beichten, doch dann schämte ich mich zu sehr. Als ich nix mehr sagte, brummte der Onkel, sah in den Rückspiegel und setzte das Auto wieder auf die Straße.

Hmm. Hast du mal wieder was ausprobiren müssen, Alfred?, fragte er ziemlich streng. Ich nickte und schämte mich.

Möchtest du es mir nicht erzählen? fragte er weniger streng. Ich schüttelte den Kopf.

Hast du Angst, dass ich dich verhaue?

Ich nickte verlegen. Erst du, dann Pa. Womöglich verhaut mich in der Schule auch noch das Fräulein Lehrerin, obwohl die sonst so lieb ist! Und ich habs auch noch verdient!

Da pfiff der Onkel Moritz laut. Mein lieber Mann! So schlimm?

Es war das schlimmste, das ich je gemacht habe, Onkel Moritz, gestand ich leise, und dann musste ich heulen, ich konnte nicht anders. Der Onkel sagte nichts, und ließ mich in Ruhe weinen.

Wir brauchten noch eine Weile bis Bad Waldsee, und ich kriegte mich nur langsam ein. Als das Ortsschild kam, brach der Onkel sein Schweigen.

Du findest das ganz schlimm, was du gemacht hast, Alfie, aber was es auch war, es scheint allein dir selbst geschadet zu haben! Denk mal drüber nach! Und damit du siehst, dass du nicht der einzige Lausbub bist, der in der Schule Blödsinn macht, werde ich dir jetzt eine lustige Geschichte von deinem Opa erzählen!

Da horchte ich auf. Eine lustige Geschichte?

Naja, so lustig ist sie auch wieder nicht, denn der Heiner bekommt dabei eine Tracht Prügel! Aber das Ende der Geschichte ist ziemlich lustig!

Jetzt wurde ich wirklich neugierig. Erzähl sie mir!

Mein Chauffeur nickte. Im Kaffee erzähle ich sie dir, Alfie!

Er fuhr das letzte Stück in den Ort hinein. Da wusste ich, warum der so hieß, weil es mitten darin einen großen, schönen See gab. Der Onkel parkte vor dem Kaffee, und die Leute drehten sich zu uns um, weil der große Mercedes auffiel. Wir stiegen aus, gingen auf die Terrasse, die schön zum See hin lag, und setzten uns an einen Tisch. Gerade noch war mir von meinem schlechten Gewissen und der Geschichte von Opas Eltern übel gewesen, doch nun hatte ich bloß noch eines im Sinn: Eis schlecken! Ich studierte die Karte, und dann sah ich den Onkel fragend an.

Alles, was du möchtest! sagte der Onkel Moritz nur und grinste. Da grinste ich zurück. Der Onkel wurde mir noch viel simpatischer!

Eine große Cola, sagte ich dann zu der Kellnerin, einen Rieseneisbecher Sup... Supreme, mit doppelt Schlagrahm, nein, dreifach! Und einen großen Kakao... ähm, mit Sahne!

Die Kellnerin kuckte mich mit großen Augen an, und dann sah sie zum Onkel.

Soll ich das wirklich...

Ich nehme das Gleiche! unterbrach sie der Onkel Moritz, und tat so, als wäre es ganz normal, wenn sich ein Kind und ein älterer Herr mit einem fetten Mercedes Cola bestellten, zwei Riesenschüsseln voller Eis, und mindestens anderthalb Pfund Schlagrahm.

Achselzuckend notierte die Kellnerin alles, doch als sie gehen wollte, rief sie der Onkel nochmal zurück. Ach, ich denke, ich nehme statt Kakao Eiskaffee!, sagte er, Aber auch mit Sahne! Er zwinkerte mir zu. Und sagen Sie ihrem Eiskonditor, dass er bis in etwa einer Stunde eine Eisbombe zum Mitnehmen für vier..., er sah mich kurz an, und grinste wieder. Nein, für acht Personen vorbereiten soll!

Die Kellnerin fiel fast in Ohnmacht, weil der Onkel wohl mehr bestellt hatte als alle anderen Gäste heute zusammen, und ich fand es immer lustiger, mit ihm einen Ausflug zu machen!

Wozu brauchst du die Eisbombe, Onkel?

Das ist ein Geschenk für meine Cousins. Die besuchen wir ja nachher noch, und die schlecken natürlich auch furchtbar gerne Eis!

Ich dachte, die sind schon längst groß?

Hm, ja, die Kinder von meinem Vetter Anton sind schon erwaxen, aber seine Enkel sind etwa in deinem Alter. Und vier davon wohnen auf dem Vogelbachhof, zu dem wir nachher fahren. Das mit den Cousins ist manchmal etwas missverständlich, darum nenne ich sie gerne meine Neffen, obwohl der Anton kein Bruder von mir ist!

Ich überlegte. Und wie sagen deine Neffen zu dir, Onkel Moritz?

Naja, eben Onkel Moritz. Die kennen mich gar nicht anders!

Ähm, darf ich dann überhaupt Onkel Moritz zu dir sagen? Wir sind doch gar nicht verwandt!

Du bist der Enkel von meinem kleinen Bruder, sagte er achselzuckend und hielt es wohl für ganz selbstverständlich. Es würde mich freuen, wenn so ein feiner Kerl wie du mich Onkel nennt! Du kannst mich aber auch einfach bloß Moritz nennen!

Das glaubte ich sofort. Dieser liebe Kerl würde es mir nicht ein bisschen übel nehmen, wenn ich ihn genauso behandelte wie den Louis. Er war nicht so blöd, wie manche Erwachsene, die darauf bestanden, dass wir Kinder sie Onkel oder Tante nannten, obwohl sie das gar nicht waren; die böse wurden, wenn man keinen altmodischen Diener vor ihnen machte, aber selbst brutal unhöflich waren. So, wie dieser dumme Vetter von Pa, der das alles von uns verlangte, aber selbst zu faul war, vom Stuhl aufzustehen, wenn Mama ihn begrüßte!

Onkel Moritz war fast sieben Jahre älter als Opa Henry, und obwohl er viel jünger aussah, spürte ich, dass er ein sehr alter und sehr weiser Mann war. Und er behandelte Kinder nicht von oben herab. Am liebsten hätte ich ihn als meinen Opa gehabt!

Ich möchte dich auch einfach Onkel nennen, Onkel Moritz, sagte ich daher leise. Und ich freute mich wie ein Schneekönig, weil er mich einen feinen Kerl genannt hatte, obwohl ich ihm gestanden hatte, das ich was verbrochen hab! Da fiel mir ein, was er mir versprochen hatte.

Kannst du jetzt die Geschichte vom Opa...

Die Kellnerin brachte zwei große Gläser mit Zitronenscheiben und die zwei Colas. Während sie einschenkte, nickte Onkel Moritz und begann zu erzählen.

Der Heiner war damals gerade vierzehn geworden, ein strammer, kräftiger Bengel. Das war 1937, und Hitler war schon vier Jahre an der Macht. Er hatte Ärger mit einem gemeinen Lehrer, ein linientreuer Nazi, ein richtiges Arschloch!

Ich wartete darauf, dass der Onkel das Wort verbesserte, und stattdessen Idiot sagte, so wie Pa es immer tat, um uns Kindern kein schlechtes Beispiel zu geben, aber der Onkel scherte sich nicht drum!

Ja, das war ein richtiges, mieses Arschloch, bekräftigte er stattdessen, und ignorierte meine großen Augen. Er hatte wohl vergessen, dass er nicht mit einem Erwachsenen redete.

Weißt du, die Lehrer waren vor 1933 schon nicht zimperlich, aber nun glaubten viele, dass sie mit den armen Kindern machen konnten, was sie wollten, wegen des dummen Geschwätzes vom Hitler, er bräuchte eine Jugend, hart wie Kruppstahl – aber damit meinte er Kanonenfutter !

Kanonenfutter? Ich ahnte, womit das zusammenhing! Schon stieg die Panik in mir auf!

Der Onkel merkte gleich, dass in mir wieder etwas vorging. Mir wurde schier wieder übel, doch dann dachte ich nach. Was, wenn die Jungen in diesem Film, den ich gesehen hatte, genau das waren: Kanonenfutter? Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Es hätte gar nicht so kommen müssen, wenn...

Geht’s dir wieder schlecht, Alfie? Das war vielleicht nicht der richtige Ausdruck...

Ich winkte beschwichtigend mit der Hand und unterbrach ihn.

Nein, es geht mir viel besser! Mir ist gerade etwas klargeworden, Onkel Moritz!

Willst du darüber sprechen?

Ähm, ja!, hörte ich mich zu meinem eigenen Erstaunen sagen. Aber ich würde gerne vorher die Geschichte von meinem Opa zu Ende hören!

Der Onkel hob die Schultern. Na gut, sagte er. Das Heinerle hatte da also einen sehr brutalen, bösartigen Lehrer, und der hatte es besonders auf ihn abgesehen, weil dein Opa schon damals ziemlich unangepasst war!

Unangepasst?, fragte ich.

Na ja, dein Opa war ein Junge, der die Freiheit liebte, und dem Erwachsene suspekt waren. Solche, wie dieser Lehrer sowieso! Er verweigerte sich der HJ, weil er schnell merkte, dass die Abenteuerspiele, die sie dort machten, reine Militärübungen waren, bei denen einer befahl und alle anderen gehorchten. Das gefiel ihm überhaupt nicht, und er ging seiner eigenen Wege!

Wir schlürften unsere Colas und ich dachte nach. Ich konnte es nicht glauben, dass ausgerechnet unser mürrischer Opa dieses sagenhafte, freche Heinerle sein sollte. Irgendwie kam es mir vor, als würde Onkel Moritz von jemand ganz anderem reden!

Die Kellnerin brachte ein großes Tablett mit zwei riesigen Humpen voller Eiscreme, und auf jedem war ein Berg voller Sahne, so hoch wie der Mount Everest! Mit großen Augen sah ich zu, wie die Kellnerin sie vor uns hinstellte, und dann noch den Kakao und den Eiskaffee, beide mit einem Batzen Schlagrahm gekrönt.

Lasst es euch schmecken, sagte die Kellnerin, während die anderen Gäste alle zu uns herschauten. Den Großonkel kümmerte das nicht. Danke, sagte er und sah mich schelmisch an. Er hob mit dem Löffel ein großes Stück Eis aus der Schale, krönte es mit Sahne, und ließ es sich wirklich schmecken! Begeistert stürzte ich mich auf meinen eigenen Becher. Es war herrlich, soviel Eis zu essen, ohne dass ständig ein Erwachsener nachschaute, ob einem schon übel wurde!

Als ich den ersten Heißhunger hinter mir hatte, machte ich eine Pause, damit das Eis nachrutschte. Verzeihung!, sagte ich, weil ich ein bisschen rülpsen musste.

Keine Ursache! sagte der Onkel, und sog nachdenklich an seinem Eiskaffee.

Tja, also, der Lehrer mochte den Heiner sowieso nicht, und verprügelte ihn wegen irgendeines dummen Streichs!, setzte er dann die Geschichte fort. In der Turnstunde – er war auch der Sportlehrer – ließ er einen Bock in die Mitte der Sporthalle schieben. Die Jungs in ihrem Turndress, kurzen schwarzen Hosen und blauen Leibchen, mussten sich daneben aufstellen. Dann musste sich der Heiner quer über den Bock legen, und der Lehrer zog ihm die kurze Turnhose herunter! Das allein war schon unerhört, denn der dünne Hosenstoff wäre kein großer Schutz für Heiners Hintern gewesen. Der Lehrer wollte ihn demütigen, er war halt ein dummer, fieser Kerl, und so musste dein Opa vor den Augen seiner Mitschüler mit blanker Kehrseite über dem Bock liegen. Und dann hat der Lehrer ihn mit einem langen Haselstecken verhauen! Dein Opa sagte mir später, dass es die schlimmste Tracht Prügel war, die er bis dahin gekriegt hatte. Der Lehrer hat ihm den Stock mit aller Kraft übergezogen, wieder und wieder, aber der Heiner hat nicht geheult. Er hat die Zähne zusammengebissen, und die Schläge ertragen.

Da musste ich schlucken. Der gemeine Herr Feller hatte mich auch schon mit so einem Haselnen verdroschen, aber nur auf meine Lederhose, und das hatte schon elend weh getan! Aber auf den nackten Hintern?

Ich schleckte mein riesiges Eis, aber weniger begeistert, denn je mehr ich über die Geschichte nachdachte, desto mehr verflog meine gute Stimmung wieder. Man hatte meinem Opa alles genommen, seine armen Eltern waren verbrannt, das Haus, in dem er geboren war, hatte man angezündet, und war nur noch ein Häufchen Schutt, von Dornenhecken umrankt. Und genauso ein Dreckschwein wie jenes, das damals die Fackel in das Haus seiner Eltern geworfen hatte, quälte ihn dann furchtbar! Wie ungerecht konnte die Welt sein!

Man sah dem Onkel Moritz an, dass ihn das auch mitnahm, heute noch!

Ich war damals schon Zwanzig, Alfie, sagte er wie zur Bestätigung, und wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nach Waldsee gefahren und hätte dieser sadistischen Drecksau die Fresse poliert! Er hielt inne, und dachte nach.

Ja, vielleicht hätte ich ihn sogar umgebracht!

Das erschreckte mich sehr. Nicht, weil er ihm die Fresse hatte polieren wollen. Und nicht, weil er ihn umbringen wollte. Sondern – weil er darüber nachgedacht hatte.

Was ist dann passiert? fragte ich nur. Ich schleckte immer noch an dem gewaltigen Eis, aber es schmeckte mir immer weniger.

Das Heinerle nahm die Prügel stoisch hin. Einer seiner Klassenkameraden erzählte mir später, der Lehrer hätte weit ausgeholt, und mit aller Kraft zugeschlagen. Zwanzig Hiebe hat er ihm gegeben! Am Ende muss Heiners Hintern von oben bis unten mit dicken, roten Striemen überzogen gewesen sein!

Da schauderte ich. So eine Prügelstrafe wollte ich nie erleben!

Als der Lehrer dann endlich fertig war, berichtete Onkel Moritz weiter, ging er mit dem Stecken in der Hand zum Heiner hin und sagte zu ihm: Na, du tumber, dickköpfiger Bauer? Siehst du nun ein, dass es nichts einbringt, sich gegen die Schule, und damit letztendlich auch gegen den Führer zu stellen?

Da ahnte ich, was kommen würde! Man konnte über meinen Opa alles Mögliche sagen, aber er war bestimmt kein tumber Bauer! Da hatte er endgültig die Schnauze voll gehabt!

Der Lehrer bog den Haselstecken durch, drohte dem Heiner mit weiteren Hieben, wenn er nicht klein beigab, berichtete der Onkel weiter, und da sagte dein Opa tatsächlich etwas, aber ganz leise! Und da hat der Lehrer einen riesigen Fehler gemacht!

Er machte eine Pause, und ich hörte vor lauter Neugier auf, zu löffeln. Was für einen Fehler? fragte ich.

Er beugte sich ganz nah an den Heiner heran, um besser zu verstehen, was er da flüsterte. Er dachte wirklich, dein Opa würde sich für seinen Streich und für seine Widerborstigkeit entschuldigen!

Der Onkel Moritz hielt wieder inne und man sah ihm an, dass er sich das Lachen nur schwer verkneifen konnte.

Und dann? fragte ich drängelnd und schwer auf die Folter gespannt.

Sobald sich der Lehrer zu ihm hinunter beugte, schob sich das Heinerle auf der ledernen Liegefläche des Bocks blitzschnell nach vorne, und da, wo sich gerade seine Schultern befanden, war plötzlich sein nackter, schwieliger Hintern! Und direkt darüber war das Gesicht des Lehrers! Und dann kam Heiners Entschuldigung. Er furzte dem Lehrer lang und ausgiebig mitten ins Gesicht. Der Wind war ein wahres Prachtstück! Der Dummkopf von Lehrer fuhr so schnell zurück, dass er stolperte und mit dem Arsch auf dem Boden landete, aber da hatte er die Gabe schon abgekriegt!

Da musste ich so lachen, dass ich mindestens ein halbes Pfund Eiscreme wieder ausspuckte!

Da sagte das Heinerle: Aua, hat das wehgetan! Komm wieder hoch, dann gebe ich dir noch eine Entschuldigung für den Führer!

Und dann lachte Onkel Moritz selbst so, dass er seinen Eiskaffee wieder ausspuckte. Die Leute an den Nebentischen sahen uns ganz komisch an!

Kichernd löffelte ich das letzte Eis aus meinem Riesenbecher, während der Onkel keuchend vor Lachen den Löffel zu Seite legte. Sein Becher war noch halbvoll!

Ähm, bist du schon satt?, fragte ich unschuldig. Ja!, sagte der Onkel, doch dann sah er meinen Blick!

Ähm, ich hatte bei der Oma mindestens zwei Rouladen mehr als du, also guck nicht so frech, Alfie!

Ich zuckte nur mit den Schultern, und zog seinen Rieseneisbecher zu mir.

Hat der Heiner, ich meine der Opa Henry, dann nicht noch mehr Probleme gekriegt? fragte ich möglichst unschuldig und zückte meinen Löffel.

Gierschlund!

Jaa, ist ja gut!, brummte ich etwas beleidigt und schob den nächsten Löffel Eis in mich hinein. Erzähl einfach!

Da grinste der Onkel breit. Ganz der Opa! Na ja, der Heiner kriegte sogar mächtig Ärger! Der Lehrer tobte, seine Nazi – Spießgesellen machten deinem Opa das Leben noch schwerer, aber alle anderen lachten über seine Aktion. Und der Heiner ließ sich nicht unterkriegen! Egal, wie sie ihn schikanierten und verprügelten, er ließ sich nie von denen vereinnahmen! Es war eine schlimme Zeit für ihn, und ich konnte ihm nicht viel helfen, das tat mir weh!

Der Heiner tat mir schon leid, und der Onkel Moritz sowieso, aber ich kriegte einfach nicht dieses lustige, pfiffige Heinerle mit meinem miesepetrigen Opa Henry zusammen! Ich grunzte etwas, sehr untiplomatisch, und schob mir einen neuen Löffel Eis in den Mund. Dann dachte ich nach.

Hmmm, der Opa lebt noch, und er kann auch noch hinsitzen, also kann es so schlimm auch wieder nicht gewesen sein!

Da sah mich der Onkel komisch an, und einen Moment dachte ich, er gibt mir eine Maulschelle, doch dann lachte er, wenigstens ein bisschen.

Oh, Alfie, du bist nicht sehr tiplomatisch! Ja, dein Opa lebt noch, aber er hat sehr schlimme Dinge erlebt. Und ich auch. Dein Opa ist jünger als ich, aber er hat furchtbare Sachen gesehen. Das hat ihn bitter gemacht und heute ist er manchmal ein ziemlicher Kotzbrocken!

Oje, was sollte ich da sagen? Dass man meinem Opa, den er selbst einen Kotzbrocken nannte, den Arsch gründlich versohlt hatte, und ihm das Leben schwer gemacht hatte, beschäftigte ihn noch immer? Langsam wurde es mir zu bunt!

Ich finde es schön, dass du so zu meinem Opa stehst, sagte ich etwas unterkühlt, weil ich gleichzeitig eine riesige Menge Eiscreme in meinem Magen versenkte, aber ich versteh immer noch nicht, was an dem Kotzbrocken so toll ist!

Alfred, sagte der Onkel ziemlich ärgerlich, erstens verstehst du das mit den furchtbaren Dingen, die er gesehen hat, völlig falsch! Damit meinte ich nicht die Prügel, die er als Junge bezogen hat! Und zweitens glaube ich, dass es für dich an der Zeit ist, zu beichten! Du bist so mit deinen eigenen Schlingeleien beschäftigt, dass du mir gar nicht richtig zuhörst!

Da merkte ich, dass ich gerade eine künstliche Wut in mir zusammenfegte. Beschämt sah ich zu Boden. Tut mir leid, Onkel Moritz! Ich erzähl dir alles, versprochen! Aber was meinst du mit den furchtbaren Dingen?

Ich glaube nicht, dass ich dir das erkläre, bevor du nicht offen legst, was dich so fertig macht, Alfie!, brummte er, und trank seinen Eiskaffee aus. Er wartete wirklich darauf, dass ich endlich was sagte, aber ich konnte wieder nicht. Nein, ich wollte nicht!

Lange sagten wir gar nichts, und dem Onkel wurde es zu dann zu bunt.

Ich glaube, wir sollten mal weiter fahren, Alfie! sagte er ziemlich unterkühlt, obwohl er gar keine Eiscreme mehr wollte!

Ich brachte es nicht übers Herz, all das schöne, leckere Eis stehen zu lassen, darum arbeitete ich mehr als Pa bei der Ernte, und nutzte die Zeit, bis Onkel Moritz bezahlt hatte und sich die Eisbombe geben ließ.

Ähm, bin gleich wieder da! sagte ich dann und rannte aufs Klo.

Als wir zum Vogelbachhof fuhren, wurde mir etwas schwummrig, aber nur durch die Autofahrt!!!!

Wir machen einen kleinen Umweg, Alfie, denn ich möchte dir etwas zeigen!

Das war mir gar nicht recht, denn ich musste schon wieder aufs Klo! Als ich das ein bisschen beschämt sagte, beeilte sich der Onkel. Er bog in einen Feldweg ab, fuhr durch die Wiesen, und hielt am Waldrand. Dann streckte er mir ein Päckchen Tempo Taschentücher entgegen. Ich nahm es verlegen, rannte in den Wald, und suchte mir ein ruhiges Plätzchen.

Als ich zurückkam, lehnte der Großonkel am Auto und rauchte eine Zigarette. Neben ihm, auf der Kühlerhaube, stand die große Stiroporbox mit der Eisbombe. Als ich die sah, wollte ich fast nochmal zurückrennen.

Folg er mir, mein Sohn!, sagte er im lustigen Ton vom Vater von Till, dem Jungen von Nebenan, und da ging es mir wieder besser. Er schnippte die Kippe weg, trat sie aus und packte die Eisbox. Grinsend hielt ich mich an ihr fest, und folgte ihm in den Wald.

Ich ahnte, dass er mir seine kleinen Neffen zeigen wollte, die irgendwo hier spielten, und dann haute es mich um!!!

Zuerst sah ich nur eine große, weite Lichtung mitten im Wald. Kurzes, gelb gewordenes Graß bedeckte sie, und in der Mitte standen zwei große, mächtige Bäume, nicht weit voneinander entfernt. Zuerst hatte ich gedacht, es wäre nur einer, denn ihre Blätterdächer hatten sich zu einer einzigen prachtvollen Krone vereinigt, aber die beiden dicken Stämme konnte man nicht übersehen. Wir gingen über die Wiese, und als wir den Zwillingsbaum erreichten, hörten wir plötzlich Indianergeheul!

Halt, keinen Schritt weiter! sagte jemand streng. Wir blieben stehen, ich sah nach oben, und da erblickte ich zum ersten Mal das Baumhaus. Mir stockte der Atem!

Von einer großen Plattform sahen vier kleine Indianer mit Federn und Kriegsbemalung auf uns herunter. Onkel Moritz hob feierlich eine Hand zum Gruß.

Friede, großer Häuptling Crazy Bird, und ihr tapferen Brüder vom Vogelstamm, sagte er gemessen, und er schien das nicht seltsamer zu finden als eine Konferenz mit großen Tieren bei der Deutschen Bundesbahn.

Howgh, mein Blutsbruder Old Ironhorse! sagte da der Häuptling Crazy Bird von oben, und ich musste mich beherrschen, nicht zu lachen. Old Ironhorse! Das passte!

Ich hatte dich nicht gleich erkannt, mein Bruder, weil du von feindlichen Kriegern umgeben bist! erklärte der große Häuptling.

Du täuscht dich, mein Bruder Crazy Bird, antwortete das alte Eisenpferd gelassen, mich begleitet nur der mächtige Kämpfer Alfie vom Kappelberg, der Tochtersohn vom roten Phoenix, dem geehrten Oberhäuptling aller Stämme zwischen dem langen Fluss und dem großen Wasser!

Die Indianer über uns berieten sich. Vom roten Phoenix? fragte ich überrascht. Ich kannte die Geschichte vom Phoenix aus der Asche, aber von einem roten Phoenix hatte ich noch nie gehört!

Tja, das muss ich..., doch da unterbrachen uns die Baumindianer.

Sei uns willkommen, Tochtersohn des roten Phoenix! Legendär sind die Taten deines Muttervaters! Kommt herauf in unser Pueblo!

Eine lange Holzleiter senkte sich nach unten und landete mit einem leisen Bums auf dem Boden. Geh voran, mächtiger Kämpfer!, sagte der Onkel.

Grinsend stieg ich hoch, und er folgte mir.

Oben endeten alle Formalitäten. Lachend fielen die Indianer über uns her.

Hallo, Onkel Moritz! Hi, Alfie! Wow, bist du wirklich der Enkel vom Heinerle?

Äh, ich glaube schon, sagte ich etwas verlegen. Irgendwie sagte mir mein Verstand, dass die Jungen von jemand anders redeten, und nicht von meinem mürrischen Opa!

Das alte Stahlross stellte die Stiroporbox auf eine Holzkiste. Das ist unsere Beute, die wir den Bleichgesichtern geraubt haben! Sie sei unser Geschenk an die mutigen Krieger vom Vogelstamm!

Neugierig öffneten die mutigen Krieger die Box und dann gab es ein großes Gejohle. Die Eisbombe kam zum Vorschein, und gleich darauf hatten die mutigen Krieger ihre Kriegsbemalung verstärkt, vor allem um ihre Goschen rum.

Mmmmmh, schmeckt das lecker! Möchtest du denn nichts, Alfie? Aber ich konnte keine Eiscreme mehr sehen! Was mich gerade mehr interessierte, war das Baumhaus. Opa hatte zwar schon davon erzählt, aber entweder interessierte es ihn nicht mehr, oder ich hatte nicht richtig zugehört.

Es war toll! Die Plattform und die dahintergelegene Hütte waren mindestens dreimal so groß wie unsere, es gab Tische, Bänke und Stühle, und als ich dann zum anderen Baum hinübersah, blieb mir die Luft weg! Dort befand sich eine noch größere Plattform, die von mehreren riesigen Ästen getragen wurde, und mit einer Brücke aus Tauen mit der, wo wir waren, verbunden war! Und als sich nach oben sah, fielen mir fast die Augen raus! Es gab in beiden Bäumen noch viel mehr Ebenen und kleine Hütten, alles mit Leitern oder wenigstens mit Stricken miteinander verbunden. So etwas hatte ich noch nie gesehen!

Das alles war so groß und weitläufig, dass man eine ganze Weile brauchte, um nur die wichtigsten Teile zu finden, darum stand ich mit offenem Mund da und konnte nur noch glotzen.

Tut mir leid, dass meine Neffen so unhöflich sind, Alfie, sagte da das Eisenross, aber diese Lümmel können gerade nicht anders, als Unmengen Eis in sich hineinstopfen!

Irgendwie fühlte ich mich angesprochen und schämte mich wegen meiner Gier vorhin. Die Neffen aber nicht.

Tz, tz, wie kann man nur! schrien sie, und lachten sich kugelig. Und neben ihnen saß ihr Onkel, ich meine, das alte Eisenpferd, und grinste.

Möchtest du dich, solange die Bengel mampfen, hier gerne umsehen, Alfie?, schlug er vor, Ich habe gehört, dass du und der Louis große Baumhauskonstrukteure seid, darum könnte dir das gefallen!

Ich sah ihn ein bisschen streng an, aber ich wusste natürlich schon lange, dass Mama und Pa unser superstreng geheimes Baumhaus kannten, darum war es nicht so schlimm, dass er das wusste.

Oh, jaaa, das könnte mir wirklich gefallen! sagte ich darum aus vollem Herzen. Das alte Eisenross blieb zurück, sah seinen Neffen beim Mampfen zu, und ich stieg von Ebene zu Ebene.

Und mit jeder Leiter, die ich höher stieg, war ich neugieriger, und mit jeder schwankenden Brücke, die ich überquerte, war ich glücklicher! Es war das allerprächtigste Nimmermehr. Als ich das Krähennest, ganz oben im rechten Baum erreicht hatte, weit über der Baumkrone, da strahlte die Sonne mit aller Macht, sie wirkte wie eine Lupe, die alles vergrößert. In alle Richtungen hatte man glasklare Sicht und man sah jedes Staubkörnchen, und doch wirkte alles winzig, als wenn man auf eine riesige, wunderbare Modelleisenbahn sehen würde, und weit weg sah man das silberne Licht des Bodensees. Es war magisch!

Ich stand da oben, über den Bäumen, und sah die ganze Welt unter mir. Sie machte mir Angst, aber sie war so schön!

Sie war so schön. Ich weinte, und gleichzeitig dankte ich dem alten Eisenross, dass er mir erlaubte hatte, sie zu sehen. Ich weinte um meine beiden armen Brüder, und um meinen armen Louis, weil sie es nicht sehen konnten. Und dann spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.

Magst du es genau so gerne wie ich? fragte Onkel Moritz. Ich war schon überrascht, aber nur, weil ich nicht erwartet hatte, dass sich ein Erwaxener den beschwerlichen Weg hier herauf zumutete.

Oh, jaaaa! hauchte ich nur. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich geborgen, ohne dass Mama, Pa, oder die Oma dabei waren!

Lange standen wir da. Von diesem Hügel aus sieht man über halb Oberschwaben, merkte der Onkel verträumt an, und man kann sowohl die Sonnenaufgänge im Osten, wie auch die Untergänge im Westen wunderbar sehen!

Ich weiß, sagte ich achselzuckend, das ist ein magischer Ort!

Woher weißt du das, Alfie?

Keine Ahnung, sagte ich. Es war halt so. Ich wollte am liebsten hier bleiben, in dieser unglaublichen Baumburg, und mit den Neffen, also den mutigen Kriegern vom Vogelstamm spielen, die mir alle sehr simpatisch waren. Ich lehnte mich zurück und fühlte mich gut!

Alles hier roch nach dem alten Eisenross – und seinem legendären Blutsbruder – dem roten Phönix.

Und der sollte ausgerechnet mein mürrischer Opa Henry sein?

Ich konnte es nicht glauben. Die Vogelbachkinder verehrten ihn wie den Kaiser Barbarossa, der der Sage nach in einem Berg schlief, bis ihn irgendjemand wieder weckte, aber für mich war er bloß ein Erwaxener, der Kinder nicht beachtete, außer, sie vergaßen, ihn zu grüßen und einen Diener zu machen!

Kann ich noch hierbleiben, und mit den anderen spielen? fragte ich den Onkel hoffnungsvoll. Er grinste.

So was hab ich befürchtet! Hm, dann müssen der Anton und die Eltern dieser Krieger mit verdorbenem Magen halt ohne dich auskommen! Bleib nur, Alfie, ich fahr dann aber schon mal mit dem Auto zum Hof hinunter! Du kannst dann mit den anderen nachkommen. Spielt aber nicht zu lange, wir müssen noch zurückfahren!

Da war ich im siebten Himmel! Schon wollte er gehen, doch ich rannte ihm nach.

Wart mal, Onkel Moritz! Ich erzähl dir auf jeden Fall noch, was ich Blödes gemacht hab, ich versprechs!, sagte ich ganz leise. Und vielen, vielen Dank, dass du mich hierhergebracht hast! Und danke, dass ich noch ein bisschen hier spielen darf!

Gerne geschehen, Alfred, raunte er, lächelte, und kniff meine Wange. Dann ging er.

Ich sah ihm nach, und fragte mich, was für mich heute das größte Geschenk gewesen war, die tolle Märklinlok, das fantastische Baumhaus, das er mir geöffnet hatte, oder das alte Eisenross selbst. Wenn die Oma recht hatte, und er mir meine Unschult nahm, dann hatte er mir Dinge dafür gegeben, die das komische Ding wirklich aufwogen!

Ich spielte den ganzen Nachmittag mit den vier Neffen vom Onkel Moritz, und sie wurden mir auch immer simpatischer! Der älteste von ihnen, der Häuptling Crazy Bird, hieß, wenn er die Federn abnahm, Fritzi, und er war dreizehn. Seine drei Brüder hießen Schorschi, Rudi, und Morle. Sie waren zwölf, elf und neun, und der Jüngste hieß eigentlich Moritz, wie der Onkel, aber alle sagten Morle zu ihm, was ihm überhaupt nicht gefiel!

Das hört sich an, als wäre ich eine von den Katzen!, schimpfte er, aber als kleiner Bruder hat man halt nicht viel zu melden.

Das Baumhaus war einfach krantios, denn als wir auf Cowboy und Indianer keine Lust mehr hatten, spielten wir Pirat, und die zwei Plattformen auf den zwei Bäumen waren die prächtigsten Freibeuterschiffe, die man sich bloß vorstellen konnte! Wir segelten nebeneinander her, beschossen uns mit Kanonen, schwangen uns mit den Seilen auf das feindliche Schiff, und schlugen uns heltenhaft!

Aber dann sagte der Fritzi, dass es Zeit wäre, zum Vogelbachhof hinunter zu gehen. Alle fanden das Schade, und ich ganz besonders! Warum müssen die tollsten Abenteuer immer so schnell vorbei sein???

Aber der Weg durch den Wald zum Hof hinunter war ein Räuberpfad, sagte Fritzi, darum mussten wir arg aufpassen, dass uns die Polizei nicht erwischte! Ich hab mir leider ein Knie aufgeschrammt, als der Rudi schrie: In Deckung, sie kommen!, aber das war die Aufrekung wert!

Die Mama von meinen vier neuen Freunden klebte mir ein Pflaster drauf, und sie war sehr nett! Und auch ihr Mann, also der Papa, war ein netter Kerl, aber vor allem der Anton, ihr Opa! Er sah dem Onkel Moritz, der neben ihm stand, sehr ähnlich, aber er war noch älter als der und hatte ganz graue Haare. Aber er war sehr lustig, und er freute sich sehr, dass ihn der Onkel Moritz besuchte. Und dann sagte er auch noch zu mir:

Du bist also dieser famose Alfred, von dem alle immer reden! Deine Eltern sind immer ganz stolz auf dich, wenn ich mit ihnen telefoniere, und deine Oma sagt immer, was für ein feiner Kerl du bist! Da wurde ich ganz rot, ich konnte es nicht vermeiden!

Und dann sagte er: Sogar dein Opa, der Heiner, ist sehr stolz auf dich, glaub mir! Er ist zwar gerade etwas mürrisch, weil er zu früh in Rente gegangen ist, aber das wird wieder besser, Alfred, und dann wird er es dir selbst sagen!

Das glaubte ich eher nicht, aber ich sagte nichts, weil ich dem netten Onkel Anton nicht widersprechen wollte! Aber ich war trotzdem ganz verblüfft, weil sie mich schon kannten, und weil sie mich so mochten, obwohl ich sie noch nie gesehen hatte!

Fast machte es mir Angst.

Die Sonne ging schon unter, als wir zur Oma zurückfuhren. Ich war schon ziemlich müde, darum hatte mir der Onkel das Handtuch, und noch ein zweites dazu, als Kopfkissen auf die Rückbank gelegt, und ich bettete mich dahinten sehr bequem. Weil der Mercedes so groß und breit war, konnte ich mich auf der Rückbank fast ganz ausstrecken, wohlig rekelte ich mich, und dann fielen mir wirklich fast die Augen zu.

Schlaf ruhig ein bisschen, Alfie, das tut dir gut!, sagte das alte Eisenpferd freundlich, aber ich hatte meine Schulden nicht vergessen!

Ich sah eine Weile auf die große, rote Sonne, die man im Rückfenster sah. Der Onkel saß auf dem Fahrersitz, und pfiff leise vor sich hin, nicht sehr melodisch. Ich musste eine Weile hinhören, bis ich begriff, was er da pfiff, aber dann grinste ich breit. Es war Auf der schwäbischen Eisenbahn

Dieser liebe Kerl, der überhaupt nicht pfeifen kann, war mir heute Morgen noch fast ein Fremder gewesen, und nun war er plötzlich da, wie ein sagenhafter Schatz, den ich gefunden hatte!

Und ich wusste auf einmal, er wird mir bleiben. Er ist ein netter, freundlicher Kerl, aber man spürt, dass er auch ganz schön unangenehm werden kann, wenn ihm was nicht passt. Und er sagt das geradeheraus.

Ich verstehe langsam, warum er ein hohes Tier bei der Bundesbahn ist! Weil, wenn er einem den Hintern versohlt, weil man Scheiße gebaut hat, dann nimmt man es ihm nicht übel! Dann sucht man den Fehler bloß bei sich selber, und versucht dann, es besser zu machen.

Und das tat ich jetzt auch.

Ich verschränkte die Hände hinter dem Kopf, und machte es mir auf der Rückbank so gemütlich wie möglich. Dann dachte ich, wenn ich das jetzt erzähle, dann hält er womöglich an, legt mich übers Knie und verdrischt mich fürchterlich, und da schüttelte ich mich in banger Erwartung. Doch dann dachte ich, womöglich gibt er mir einfach Rat!

Und das gab den Ausschlag, denn ich kannte ihn doch schon so gut!

Ähm, Onkel Moritz?

Ja?

Ich möchte dir gern sagen, was ich in der Schule verbrochen habe! Ich glaub, es ist besser, wenn du irgendwo parkst!

Da drehte sich das alte Eisenpferd nach hinten. Boah, so schlimm?

Ich nickte beschämt. Der Onkel fuhr am nächsten Parkplatz raus und stellte den Motor ab.

Komm raus, Alfie, hier gibt’s Bänke und Tische, ich hab Limo, und die Sonne ist noch nicht ganz weg, wir haben Glück!

Ich verstand nicht, wie er so vergnügt sein konnte, wo ich ihm die schlimmste Sünde meines Lebens beichten wollte, aber er zog mich aus dem Mercedes, setzte mich auf eine Bank, stellte eine Limonade vor mich, und kuckte verträumt in den Sonnenuntergang.

Ist das nicht wunderschön, Alfie?

Ähm, ja!, sagte ich, aber irgendwie fehlte mir jetzt der Sinn für solche Schönheiten!

Er sah mich an, und ich begriff, dass er genau wusste, dass ich auf Kohlen saß! Und ich verstand auch, dass er mich gerade ein bisschen bestrafte. Den ganzen Tag hatte ich Andeutungen gemacht, hatte im Selbstmitleid geschwelgt, nicht richtig zugehört, und ihn im Unklaren gelassen. Aber ich hatte mir den falschen ausgesucht. Der Onkel Moritz hörte zu, er gab Trost, und er versuchte, einem das zu geben, was man brauchte, aber er ließ sich nicht verarschen!

Jetzt musste ich seinem Spiel folgen, wie vorhin, auf dem Piratenschiff dem seiner Neffen. Seufzend sah ich in die rote Sonne, nahm die Limonade und trank. Da merkte ich plötzlich, wie sehr ich Durst hatte. Ich trank gierig mehr.

Dein Opa hat im Krieg schlimme Dinge erlebt, Alfie, sagte der Onkel leise, während ich trank, aber er hat nur ganz wenig davon erzählt. Das meiste habe ich von seinen Kameraden gehört, nicht von ihm!

Das wunderte mich nicht. Mein Opa Henry war nicht Radio Luxemburg!

Aber, Alfie, Dinge, die einem wehtun, sollte man erkennen, dann tun sie viel weniger weh! Und dir tut etwas ganz furchtbar weh!

Ist ja schon gut, altes Eisen... ähm, Onkel Moritz! Ich wills dir doch erzählen, deswegen haben wir doch angehalten!

Er schlug sich mit der Handfläche gegen den Kopf, aber ich wusste genau, dass er mich bloß ärgerte!

Oje, wie konnte ich das bloß vergessen! Also los!

Aber jetzt schaute er mich dämlich an, wie der Stan – also, wie der Doof vom Dick, und dann konnte ich gar nicht mehr! Wütend stürzte ich mich auf ihn, und schlug mit meinen Fäusten auf ihn ein.

Du bist so blöd!, schrie ich wütend, Ich wollte alles sagen, und jetzt ärgerst du mich! Du warst so nett, und jetzt bist du ein blöder Onkel, der bloß einen dämlichen Diener von einem will!

Ich dachte, jetzt wird der Onkel auch schimpfen, doch da sagte er: Siehst du, Alfie, genauso ist es mir vorhin mit dir gegangen! Ich wollte dir wichtige Dinge erzählen, alles sagen, was dir helfen könnte, aber du wolltest bloß einen dämlichen Diener, der dir den blöden Onkel spielt!

Da fiel mir die Klappe runter. Gerade hatte ich noch gedacht, er ist der Chef, weil er sich nichts gefallen lässt, und schon redete er Tacheles...

Langsam begriff ich auch, warum die Mama gewollt hatte, dass er mir das alles erzählte. Onkel Moritz log nicht, und wer das bezweifelte, dem versohlte er einfach mordsmäßig den Arsch!

Friede!, keuchte ich deswegen, ich will doch erzählen, was ich ankestellt habe!

Die Sonne ging unter. Wir tranken unsere Limos aus, und Onkel Moritz sah mich streng an. Jetzt blieb mir nichts anderes übrig, als zu beichten, denn sonst würde er mich wirklich übers Knie legen!

Wir haben in der Schule jetzt einen tollen, mächtigen Fernseher, und dazu so einen großen, neumodischen Beta – Videorekorder, begann ich leise. Der Fabrikbesitzer, der auch das Schwimmbad im Dorf hat bauen lassen, hat ihn und den Rekorder gestiftet! Ich und Louis waren dabei, als der Elektriker alles brachte und aufstellte!

Das alte Eisenross nickte verstehend. Und da habt ihr Schlingel mitgekriegt, wie man den Rekorder bedient, nicht wahr?

Da musste ich doch grinsen, als ich nickte. Ich und der Louis waren technisch auf dem neuesten Stand!

Jo. Es waren auch ein ganzer Stapel Videokasetten dabei. Am Samstagmittag, als alle fort waren, sind wir in die Schule geschlichen, wir wissen, wo der Hausmeister den Schlüssel für die Hintertür versteckt, und haben uns die rechte und die linke Hand des Teufels angekuckt! Der Film war toll! Begeistert dachte ich daran, wie der große, dicke Bud Spencer und der dünne, lustige Terence Hill die Bösewichter reihenweise vermöbelt hatten!

Aha. Eine seltsame Auswahl an Videokasetten für eine Schule!

Ich zuckte nur die Achseln. Die meisten waren nicht so lustig. Tierfilme und alte Schinken. Eine Woche später haben wir uns einen von den alten Schinken angeschaut. Wir dachten, das ist ein Abenteuerfilm, in dem Jungs in kurzen Hosen tolle Sachen erleben, doch dann wurde es ganz furchtbar, und seitdem geht es mir und dem Louis manchmal ganz schlecht!

Da beugte sich der Onkel Moritz zu mir hinüber, und ich dachte jetzt gibt er mir eine Ohrfeige! Doch dann streichelte er nur mein wuscheliges Haar.

Oh, Mann, Alfie! Ihr habt die Brücke angeschaut, nicht wahr?

Ich nickte. Dann stürzten die ganzen furchtbaren Szenen, in denen die Jungen starben, auf mich ein! Ich fühlte mich elender als vorhin, als ich die eineinhalb Rieseneisbecher Supreme mit dreifach Schlagrahm in mich hinein geschaufelt hatte, und mein Magen ein bisschen rebelliert hatte.

Da begann ich wieder zu weinen, ich konnte nicht anders!

Der amerikanische Soldat sagt zu den Jungen: Kindergarten!, schoss es aus mir heraus wie aus dem Maschinengewehr, das ich dabei vor mir sah, und der Karl wird wütend und schießt ihm in den Bauch! Und dann fallen seine Därme raus!

Ich schluchzte. Onkel Moritz schob sich zu mir und umarmte mich.

Jetzt kapier ich, was dich so fertig macht! Als der Film uraufgeführt wurde, neunundfünfzig oder sechzig, sind manche Erwaxene weinend und total geschockt aus dem Kino gekommen, obwohl man vor den drastischen Kriegsszenen gewarnt hatte! Alfie, diesen Film zeigt man den älteren Schülern, nachdem man ausführlich über ihn gesprochen, und sie darauf vorbereitet hat! Und ihr beiden Schlingel habt gedacht, das wäre ein Kinderfilm!

Ich nickte. Auf der Schachtel, wo die Kassette drin war, waren Fotos, aber die waren gar nicht so schlimm!

Oje, Alfie, ihr seid schon elende Schlingel, du und der Louis, und ich glaube, wenn der jetzt da wäre, dann würde ich euch Beiden ordentlich den Hintern versohlen, wirklich und wahrhaftig!

Da schöpfte ich Hoffnung! Ähm, ich dachte, du würdest mich trotzdem verhauen, auch ohne den Louis, sagte ich verzagt.

Da grinste der Onkel frech wie ein Bengel! Ja, verdient hättest du es allemal, aber ich hab von deinem Pa genaue Instruktionen gekriegt, für diesen Fall!

Da verstand ich nur noch Bahnhof! Genaue Instruktionen? Was soll das denn heißen?

Da schossen seine Arme vor, und er begann mich zu kitzeln! Konnte Pa denn gar nichts für sich behalten?

Irgendwann hörte er auf, und er schnaufte fast genauso schlimm wie ich!

Oje, da wär mir ja eine Tracht Prügel lieber gewesen!, keuchte ich, und kicherte immer noch dazu.

Was nicht ist, kann noch werden!

Da rückte ich vorsichtshalber von ihm weg.

Ach quatsch, Alfie, niemand wird euch verhauen! Grinsend stand er auf und packte unsere leeren Limoflaschen ins Auto.

Merkst du denn nicht, dass ihr euch selbst genug bestraft habt, als ihr euch diesen Film angeschaut habt? Wir müssen sehen, dass wir das Beste draus machen, aber niemand will euch deswegen schlagen!

Auch Mama und Pa nicht, fragte ich zweifelnd, oder das Fräulein Lehrerin?

Die am allerwenigsten. Allerdings wird sie ziemlich enttäuscht von euch sein, wenn sie davon erfährt. Denn sie hat euch ja bestimmt verboten, den Fernseher und den Rekorder zu bedienen, oder nicht?

Ähm, ja, schon, bestätigte ich verlegen, aber warum muss sie das erfahren?

Weil sie euch helfen wird. Alfie, sobald du wieder zu Hause bist, wirst du mit dem Louis reden, und ihm alles das sagen, was du bis dahin über den Film weißt. Und glaub mir, ich werde dir noch einiges dazu erzählen! Und wenn die Schule wieder anfängt, werdet ihr beide zu eurer netten Lehrerin gehen, und ihr die Geschichte auch beichten! Sie wird von euch enttäuscht sein, das wohl schon, aber sie wird euch nicht verhauen, und euch auch nicht den Kopf abreißen! Sie wird sich mit euch zweien bloß nochmal diesen Film ansehen!

Da erschrack ich furchtbar! Den kuck ich nie wieder in meinem Leben an!, schrie ich entsetzt. Doch der Onkel schüttelte den Kopf.

Ihr kennt euch mit diesem Videorekorder doch so gut aus, ihr Schlingel, sagte er ganz ruhig, dann habt ihr auch die Pausen – Taste gesehen! Jedesmal, wenn eine wichtige Szene kommt, ich meine nicht nur die gewalttätigen, sondern auch die, die zeigen, warum es überhaupt soweit kommt, wird eure Lehrerin den Film anhalten, und mit euch drüber sprechen. Und wenn der Film zu Ende ist, wird es euch viel, viel besser gehen, weil ihr dann verstanden habt, warum es zu den schlimmen Dingen kam, warum die armen Burschen sterben mussten! Ich wollte etwas einwenden, doch der Onkel kam mir zuvor.

Ich sage nicht, dass ihr die schlimmen Sachen wieder vergessen werdet! Aber ihr werdet sie dann besser verstehen, und dann nehmen sie euch nicht mehr so mit!

Es war wie mit den Blitzen und dem Donner, begriff ich. Gewitter würde es immer geben, aber wenn man wusste, dass sie wieder gingen, konnte das Leben weitergehen!

Es ist so ungerecht, dass die Jungen ihr Leben verloren haben, für nichts und wieder nichts! flüsterte ich.

Ja, aber es ist nur ein Film. Die Jungen leben alle noch, glaube ich, und viele von ihnen sind heute berühmte Schauspieler oder Sänger! Aber man darf auch nicht vergessen, dass jeder einzelne von ihnen für tausende von armen Buben steht, die in diesem völlig verrückten, gemeinen Krieg sinnlos getötet wurden!

Das verstand ich jetzt auch, und es machte alles nur noch trauriger! Und doch ging es mir plötzlich viel besser, weil der Onkel Moritz die Dinge geradegerückt hatte!

Diese Welt war viel größer, und viel schrecklicher, als ich mir je hatte ausmalen können. Aber es gab auch Menschen wie meinen Pa, meine Mama, aber auch den Onkel Moritz und unser nettes Fräulein Lehrerin, die uns vor ihr beschützten.

Aber diesen Schutz würde ich allmählich verlieren, und dann musste ich selber ran. Und das nannte man erwaxen werden!

Plötzlich ahnte ich, warum die Menschen Freunde hatten, und warum sie sich ineinander verliebten. Weil man in dieser Welt alleine verloren war.

Wir Menschen haben nur uns. Alles andere zählt nicht.

 

Alfies Streiche 6 Copyright Cembalo © 2018

 
Go to the contents page for this series.

◀  Read the in this series.     Read the in this series.  ▶


Show all the stories by Cembalo
You can also discuss this story in the New MMSA Forum.

The contents of this story archive may not reflect
the views or opinions of the site owners, who most
certainly DO NOT sanction ANY abuse of children.
copyright © 2005-2018   admin ·AT· malespank.net
Labelled with RTALabel.org