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Didrichs erstes Jahr in Bryggen
Teil 16 – Feuer in Bergen

by Jolyon

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Copyright on this story text belongs at all times to the original author only, whether stated explicitly in the text or not. The original date of posting to the MMSA was: 11 Nov 2017


Immer dunkler wurde es. Mitte November dauerte der Tag nur noch sechs Stunden, und es sollte noch dunkler werden. Was konnte man da noch draußen tun. Es war sowieso immer nur kaltes Regen– oder Schneewetter. Da war es ein Segen, dass nun die Schötstube an jedem Tag geheizt wurde.

 

Stenbock nutzte das und begann, uns und andere Lehrjungen aus den Nachbarhäusern in das Führen der Bücher einzuführen. Er erklärte uns, was die einzelnen Spalten eines Kontobuches bedeuteten, wo die Ausgaben und wo die Einnahmen einzutragen waren, und wie man am Ende des Tages prüfen kann, dass alles richtig ist.

Wir müssen lernen zwischen dänischen Silbertalern, Joachimsthalern, Meißnischen Gulden, Rheinischen Goldgulden, Guten Groschen und vielen anderen Münzen zu unterscheiden

Jochen hatte das natürlich alles sofort begriffen. Ich hatte erst Schwierigkeiten den Unterschied zwischen Soll und Haben zu begreifen, aber dann ging es auch bei mir. Andere Jungen hatten aber große Schwierigkeiten damit. Stenbock zeigte eine Engelsgeduld um auch dem schwerfälligsten auf die Sprünge zu helfen.

 

Sonst war es eine Zeit, in der nicht viel geschah. Da war es eine schöne Abwechselung, dass ich manchmal für eine Stunde auf der Orgel spielen durfte. Jochen ging jede Woche ein paar Stunden zum Kantor, der schon angefangen hatte für des Weihnachtsfest eine Musik vorzubereiten. Er hatte sich dazu aus Lübeck Noten schicken lassen und wir halfen ihm beim Abschreiben der Stimmen.

Meister Harmens besaß eine alte Chronik, er hatte sie schon von seinem Großvater geerbt, der aus Nürnberg kam. Er erlaubte uns manchmal darin zu lesen. Da konnte man viel von der Welt lernen.

Viel zu lesen gab es sonst nicht, wir lasen natürlich unseren Katechismus, in der Bibel und in einem alten Kalender. Meister Blomenberg, der im Sommer mit uns eine Komödie gespielt hatte, hatte ein Buch von Hans Sachs. Da lasen wir das Gedicht vom Schlauraffenland. Jochen freute sich da besonders über den Vers

Ein Furz gilt einen Binger Haller,
drei Grölzer einen Joachimsthaler.

Und hier gibt es dafür fünf Hochdeutsche Schillinge! Er konnte schon darüber lachen. Ich hatte meine Hiebe auch schon längst vergessen.

 

Besonders schön fanden wir das Gedicht

Die wittembergisch nachtigal, die man iez höret überal

 

Wacht auf, es nahent gen dem tag
ich hör singen im grünen hag
ein wunnikliche nachtigal;
ir stim durchklinget berg und tal.
die nacht neigt sich gen occident,
der tag get auf von orient,
die rotbrünstige morgenröt
her durch die trüben wolken get,
daraus die liechte sunn tut blicken,
des mones schein tut sie verdrücken;

 

Und bei der traurigen Geschichte von Tristan und Isald hätten wir fast geheult.

 

Einer der Gesellen erzählte uns abends Geschichten. Er erzählte vom Dr. Faustus, der seine Seele dem Teufel verkaufte und schließlich von diesem pünktlich nach vierundzwanzig Jahren geholt wurde. Mir grauste ein wenig, wenn ich mir das schreckliche Ende im Dorf Rimlich bei Wittenberg vorstellte. Er erzählte auch vom Eulenspiegel. Da gab es mehr zu lachen. Er kannte auch die Geschichte Die hundertst Historie sagt, wie Ulenspygel sich zu Ruthenberg als Schulmeister verdingete und viele Ärschlein rötete, bis die erzürnete Gemeine ihn selbst mit Ruthen aus der Stadt heraus stäubte

(http://www.malespank.net/viewStory.php?id=33475). Und wenn er nicht mehr erzählen wollte, wurden auch ein paar Lieder gesungen, solche, die im Gesangbuch stehen, aber auch solche, die dort gewiss keinen Platz finden werden.

 

> – <

 

Es ist aber dafür gesorgt, dass es uns nicht zu gut geht. Mitten in einer Novembernacht, als Jochen und ich wie gewöhnlich eng beieinanderliegend fest schliefen, gab es einen gewaltigen Lärm. Plötzlich wurde die Tür unseres Bettes aufgerissen. Arnold stand vor dem Bett und rief Aufstehen! Schnell, Schnell! Feuer! Und da hörte ich schon die Glocken in der Stadt.

Im Nu waren wir wach und angezogen. Wo? rief Jochen, hier bei uns?

Nein in der Stadt. Hinter dem Markt. Los, los! Alle dahin!

 

Stenbock hatte schon das Lager aufgeschlossen und wir holten Leitern, Feuerhaken, Äxte und Eimer. Hans Und Arnold nahmen das froße Segel mit, dass im Lager hing. Dann rannten wir alle los. Auch aus den anderen Höfen und Häusern, aus dem ganzen Kontor liefen alle herbei. Schon als wir auf den Hafenplatz kamen, war der Brand am Südostende der Stadt zu sehen. Auch aus der Stadt kamen die Leute um zu helfen.

Wir rannten mit den Leitern, so dass wir völlig außer Atem ankamen.

Glücklicherweise war Nordwind, da konnte sich der Brand nicht auf das Kontor ausbreiten.

 

Schließlich standen wir vor dem brennenden Haus. Es war eine Gluthitze. Erst war es nur ein Haus das brannte, aber ringsherum riss man mit den Feuerhaken und Äxten die Nachbarhäuser ab, damit sich das Feuer nicht weiter ausbreiten konnte. Eine lange Kette von Menschen gaben volle Wassereimer von Hand zu Hand. Damit wurden andere Nachbarhäuser begossen. Auch hier sollte das Feuer sich nicht ausbreiten können. Bei dem brennenden Haus hätte das nichts mehr genutzt.

Die Haustiere, Ziegen, Hunde, Schweine und Hunde liefen quiekend, bellend meckernd herum. Alles schrie durcheinander. Wimmernd starrten kleine Kinder, die aus ihren Betten gerissen waren, in die Flammen und die Bewohner des brennenden Hausen standen neben den wenigen Habseligkeiten, die sie noch retten konnten.

 

Die Lehrjungen, die Segel mithatten, rollten die Segel aus, rannten zum Wasser und warfen sie hinein. Wir anderen stellten Leitern an das brennende Haus und wollten mit den Äxten und Haken loslegen. Aber Stenbock rief: Nein, helft, die nassen Segel herzubringen!

Alle rannten zum Wasser und zogen mit vereinter Kraft die Segel aus dem Wasser und schleppten sie zur Brandstelle. Sie waren schwer wie Blei und das Wasser strömte aus ihnen heraus. Allein hätten es die anderen nicht geschafft.

 

Und alle mussten helfen, das Segel auf das Dach zu hieven. Nur so konnte vielleicht das Feuer gestoppt werden! Aber wenn man sich dem Haus näherte kam einem eine solche Gluthitze entgegen, dass man kaum atmen konnte. Jeder Atemzug tat weh. Ich glaube, ich war nicht der einzige, der Angst hatte.

Aber Hans stieg eine Leiter hinauf und dann auch Arnold. Noch einige andere, auch Jochen und ich. Die Flammen leckten an den Hauswänden und manchmal zischte es, wenn unsere Haut ein heißes Holzstück berührte. Und der Rauch kratzte in Hals und Lunge.

Es gelang! Endlich hatten wir mit dem Segel das Dach des Hauses bedeckt. Da konnte keine Luft mehr an das Feuer und wir glaubten, das Feuer kann sich nicht mehr ausbreiten. Die meisten stiegen die Leitern hinunter. Wer wollte schon so lande in Qualm und Hitze aushalten.

 

Aber es war zu früh gefreut. Es blieb eine kleine Stelle des Dachs unbedeckt und die fing wieder Feuer. Die Flammen leckten am Giebel empor bis zum Dachfirst. Entsetzt schrien viele auf, aber Hans klettert hinauf zum Dachfirst und rief: Ich brauche eine Axt! Jemand kam mit einer Axt die Leiter hinauf, und Jochen, der einer der letzten auf dem Dach war nahm sie entgegen.

Doch da war niemand, dem er die Axt weiter geben konnte. Zwischen ihm und Hans war niemand mehr. Und da begann er auch hinauf zu steigen, obwohl ihm viele zuriefen: Lass dass, das kannst du nicht schaffen! Aber er hat es wohl nicht verstanden. Er kroch auf dem nassen Segel nach oben und reichte Hans die Axt. Der konnte damit die brennenden Bretter abhacken. Im hohem Bogen flogen sie nach unten auf die Straße, wo sie im Schnee verzischten.

 

Die beiden begannen vorsichtig wieder am Dach hinunter zu gleiten. Plötzlich loderte es wieder zwischen ihnen und der Leiter auf. Von unten rief man: Klettert auf die andere Seite, wir stellen die Leiter um! Aber wohin Jochen sich auch wendete es waren über all Flammen. Da packte Hans ihn warf ihn wie einen Sack auf die Schulter, sprang in einem Satz über die Flammen und warf sich auf des Dach. Sie rutschten das Dach hinunter und kamen direkt vor der Leiter zum Stillstand. Da konnten sie endlich hinunter steigen.

Glücklich konnte ich Jochen unten empfangen, aber er sagte nur: Hans hat mir das Leben gerettet! Daran konnte kein Zweifel sein, denn das Haus fiel nur wenige Minuten später in sich zusammen. Jochen wollte sich sofort bei Hans bedanken, aber der sagte nur: Keine Zeit, wir müssen löschen.

 

Die Löscharbeiten gingen bis in den Morgen. Wir kämpften mit den Flammen. Dann begann es zu schneien und die Feuer wurden nach und nach schwächer, bis sie ganz gelöscht waren.

Sechs Häuser waren abgebrannt und zwei waren ganz und eins zum Teil eingefallen. Aber wenn wir nicht gelöscht hätten, hätte sich das Feuer noch viel mehr ausbreiten können. Die Häuser sind fast alle aus Holz gebaut und die Dächer sind mit Torf gedeckt.

 

Nachdem wir alles Werkzeug zusammen gesammelt und wieder ins Lager im Kontor gebracht hatten, waren wir müde wie die Heiden.

Stenbock sagte noch, dass wir uns alle großartig verhalten hätten und ganz besonders Hans sich verdient gemacht habe. Und Hans lächelte. Er, der sonst immer grob und abweisend war, freute sich, dass er gelobt wurde, weil er etwas wirklich Gutes getan hatte. Jetzt versuchte Jochen noch einmal sich zu bedanken, aber da grinste er nur und sagte: Weißt du, ich hab mich an dich Zartpupser gewöhnt, da musste ich das schon tun. Und irgendwie klang das Wort nicht mehr so gemein, wie sonst, sondern freundlich.

Dann mussten und durften wir erst einmal bis zum Mittag schlafen.

 

Zwei Tage später gab es in der Schötstube für alle, die beim Löschen geholfen hatten Freibier. Meister Harmens hielt eine kleine Ansprache. Er sagte, dass der Stadtrat, sich beim Kontor für die Hilfe bedankt habe. Man habe bemerkt, dass da der Wind von Norden kam, also keine Gefahr für das Kontor bestanden habe, aber trotzdem haben alle mit vollem Einsatz geholfen.

Er habe, so Meister Harmens geantwortet, dass das Kontor immer hilft und helfen werde, wenn Not ist.

Der Stadtrat habe auch ausdrücklich gebeten den Jungen besonders zu danken, die auf dem Dach in direkter Todesgefahr gewesen waren. Er sah dabei erst zu Hans, der glühend rot wurde und dann auch auf Jochen, der ein wenig verlegen wurde.

 

Schließlich bat er auch noch um eine Kollekte für diejenigen, die um ihr Hab und Gut gekommen waren. Ein Glück aber war, dass niemand durch den Brand zu Tode gekommen war. Auch Jochen und ich gaben etwas dazu. Jeder drei Schillinge und das ist bei einem Taler Taschengeld im Monat doch ein ganz anständiger Betrag.

 

Als wir dann am Tisch saßen und am Bier nippten, sprach Stenbock uns an. Der Lehrer der Knabenschule hatte ihn angesprochen, ob nicht ein oder zwei Lehrjungen in die Schule kommen könnten und dort den Jungen von dem Brand erzählen wollten?

Ich dachte, dass ihr beide vielleicht da hingehen könntet, Ihr seid ja nicht viel älter als die Bengel dort.

Aber wir können doch gar nicht deren Sprache, gab ich zu bedenken.

Ach, das ist kein Problem, der Lehrer kann natürlich deutsch und außerdem kann Arnold mitgehen, der kann Dänisch und Norwegisch. Ich habe es ihm schon gesagt.

Ich fand das ganz nett, und sicher fühlte ich mich auch ein wenig geschmeichelt. Ich sah Jochen an. Der hatte auch nichts dagegen.

 

Wir gingen zu Arnold, der jetzt bei den Gesellen saß. Stenbock sagte, dass Ihr mit uns in die Schule gehen werdet. Ich sagte Ihr, er war ja nun Geselle. Arnold lachte: Nun das lass mal. Für Euch bleibe ich Arnold und Du ist doch klar.

Dann erzählte er, dass er nach und nach die Aufsicht über die neuen Lehrlinge übernehmen sollte, also nur die, die in den nächsten Jahren anfangen. Da muss ich dann natürlich mehr Respekt verlangen. Und ich werde schrecklich sein! Er zwinkerte lustig dabei.

Das mit der Schule bringen wir am besten schnell hinter uns. Vielleicht am nächsten Dienstag. Beantwortet einfach die Fragen ich werde alles übersetzen.

 

Also gingen wir Ende November früh halb Neun, es war noch dunkel, in die städtische Knabenschule. Das Schulhaus stand neben dem Olavsdom. Es gab zwei Schulzimmer wir klopften rechts. Hier werden die größeren Jungen unterrichtet, sagte Arnold.

Wie alt sind die? fragte Jochen.

So von 10 bis 14, nach der Konfirmation fangen sie dann irgendwo als Lehrling an.

Die Tür ging auf, der Lehrer ließ uns ein.

 

Auf einer Reihe von Bänken saß eine riesige Jungenschar. Ich schätze, es werden fast sechzig Jungen gewesen sein. Als wir hereinkamen sprangen sie sofort auf und riefen im Chor : Velkommen!

Das verstanden wir natürlich. Ich wurde ein wenig verlegen, es war mir vorher noch nie passiert, dass jemand vor mir aufgestanden war, und jetzt stand ein Schock Jungen da und begrüßten uns. Und es wurde noch peinlicher, sie sangen sogar ein Begrüßungslied! Ich verstand natürlich kein Wort, aber die Melodie kannte ich aus dem Gesangbuch.

 

Dann sprach der Lehrer. Er sprach von dem großen Unglück, das durch Feuer angerichtet wird und dass man alles tun müsse, sich vor dieser Gefahr zu bewahren. Dabei sah er mit strengem Blick auf ein paar größere Jungen, die auf einer der hinteren Bänke saßen. Und er lobte noch einmal unseren Einsatz beim Löschen. Wenn man ihm zuhörte, hätte man denken sollen, wir seien Helden gewesen, dabei hatten wir doch nur mit den anderen zusammen das getan, was getan werden musste.

 

Dann sollten wir von der Feuersnacht erzählen. Ich quälte mir ein paar Sätze ab. Auch Jochen schien sich nicht wohlzufühlen.

Als wir nicht mehr weiter wussten, durften die Jungen Fragen stellen.

Einer meldete sich und als der Lehrer ihn auffordert, stand er auf und fragte etwas.

Arnold übersetzte: Habt ihr schon geschlafen, als es brannte? Ja, natürlich hatten wir schon geschlafen, es war doch schon fast Mitternacht.

Einer fragte: Hattet ihr Angst beim Löschen?

Ich antwortete. Da mussten wir soviel rennen und schleppen, da konnten wir an so etwas nicht denken.

Aber Jochen sagte: Als es da oben auf dem Dach um mich herum brannte, hatte ich richtige Angst.

 

Dann wollten sie wissen, wie wir im Kontor lebten, ob wirklich in den Häusern niemals geheizt wird.

 

Zum Schluss meldete sich noch ein kleiner Junge er sagte, dass das Haus seines Oheims gerade noch vor dem Feuer gerettet worden war: Ich soll euch von meinem Oheim danke sagen. Schnell hatte er sich wieder hingesetzt.

 

Der Lehrer bedankte sich bei uns, dass wir unsere kostbare Zeit, Arnold bestätigte uns, dass er tatsächlich kostbare Zeit gesagt hatte, dass wir unsere kostbare Zeit geopfert hätten. Jetzt haben wir aber noch etwas zu tun und ich bitte, dass ihr als Zeugen dabei bleibt.

 

Er rief : Lars! Trygve! Marcus! Vorkommen!

Drei Jungen kamen von hinten hervor. Es waren die, zu denen der Lehrer geblickt hatte, als er davon sprach, dass niemand etwas tun darf, was Feuersgefahr bringt.

Ihr wisst, weshalb ich euch aufgerufen habe? Arnold übersetzte es flüsternd.

 

Die Jungen waren erwischt worden, als sie mit Feuer herumspielten. Nein, es war nichts passiert, an dem Brand waren sie unschuldig, aber trotzdem, mit Feuer zu spielen war ein schlimmes Vergehen. Mit gesenkten Köpfen standen sie vor dem Lehrer. Wahrscheinlich wussten sie schon was auf sie zukommen würde.

 

Mir fiel ein, wie es Jan erging, der an meinem ersten Tag mit einer Kerze im Haus erwischt wurde. In einer Stadt, in der alles aus Holz gebaut ist, muss man einfach strengstens darauf achten.

 

Der Lehrer hielt eine lange Strafpredigt. Mit dreizehn solltet ihr das eigentlich schon gelernt haben, damit endete er seinen Sermon. Dann zeigte er auf uns: So sehen Jungen aus, die dann in Regen und Schnee und unter Todesgefahr für Eure Dummheit löschen müssen! Schließlich rief er: Kjell! ein Jungen aus