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Fröhliche Weihnachten 2017
[Andi] Die Geschichte von den fünf Plagegeistern der Weihnacht

by Tastaturjunkie

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Copyright on this story text belongs at all times to the original author only, whether stated explicitly in the text or not. The original date of posting to the MMSA was: 08 Dec 2017


 

Eine Weihnachtsgeschichte von und mit den echten Freunden. Zur zeitlichen Einordnung: die Geschichte ereignet sich am 24. / 25. Dezember 2012, mit Ausnahme von Max (14) und Björn (16) sind alle beteiligten Jungen 15 Jahre alt.

 

* * * * *

 

Irgendwo in meinem Kopf gibt es eine Liste mit Dingen, die mir so richtig auf den Sack gehen – und Weihnachten steht da ganz weit oben!

Ich meine, klar – die Geschenke sind schon ganz cool, aber müssen denn da unbedingt alle total ausflippen und sich in hirnlose Weihnachts-Zombies verwandeln, die am liebsten den ganzen Tag nichts anderes tun würden als Lieder zu singen, Plätzchen zu backen und ihre penetrant fröhliche Fresse jedem unter die Nase zu halten? (Ja, ich meine DICH, Max!)

Normalerweise schaffe ich’s immer, das Weihnachtsfest halbwegs gut zu überstehen, ohne meinen Mitmenschen zu sehr an den Karren zu fahren, aber diesmal läuft es irgendwie ein wenig aus dem Ruder...

 

I. Weihnachten suckt voll!

 

Na endlich! Es ist wieder mal soweit – wir haben den 24. Dezember, Weihnachten ist nur noch ein paar Stunden entfernt... ich kann’s kaum noch erwarten!

Etwa, weil ich mich so sehr auf das Weihnachtsfest freue? Auf die Plätzchen, Weihnachtslieder, Früchtepunsch und fröhliche Gesichter überall?

Ach, Blödsinn! Im Gegenteil, mir geht dieses Weihnachtsfest auf den Wecker wie kein anderer Tag im Jahr – den ersten Schultag nach den Sommerferien eingeschlossen!

Ist doch wahr... überall Plätzchen, Weihnachtslieder, Tannenzweige, Schoko-Nikoläuse – und das alles am besten schon ein Vierteljahr im Voraus (in den Discountern jedenfalls). Vor ein paar Tagen war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien, und sogar der alte Lampl hat mit dem Scheiß angefangen.

Hat gemeint, wir hätten ein anstrengendes Jahr voller Meinungsverschiedenheiten gehabt (er hat dabei besonders Max angesehen, der wiederum frech zurück gegrinst hat), aber jetzt stünde das Weihnachtsfest vor der Tür, da sollten wir uns nicht mehr um solche Kleinigkeiten kümmern, blablabla und so weiter... und zum Schluß hat er uns noch frohe Weihnachten gewünscht, und alle anderen haben zurück gewünscht... und ich hätte am liebsten gekotzt. Der kitschigste Disney-Film hätte es nicht besser machen können, ehrlich wahr!

Gott sei Dank haben wir’s fast hinter uns. In ein paar Stunden ist Heiligabend, dann noch zwei Feiertage, und dann ist der Trubel wieder vorbei. Na, jedenfalls für so neun bis zehn Monate, da geht’s wieder von vorn los...

 

Es klingelt an der Tür, und weil ich gerade im Flur stehe und keinen Bock habe, mich an irgendwelchen Weihnachtsvorbereitungen zu beteiligen, gehe ich schnell hin und mache auf.

Draußen steht mein Kumpel Max, dick eingepackt in Winterstiefel, Schneehose und Anorak. Sein strohblondes Strubbelhaar ist unter einer von diesen langgezogenen Zipfelmützen verborgen, wie sie kleine Kinder tragen, der Bommel hängt ihm bis auf eine Schulter herunter.

What the fuck! Der Junge ist 14, hat der denn kein bißchen Schamgefühl?

Ein Stück weiter hinten warten Chris und Max’ jüngerer Bruder Tobi, jeder auf einen Holzschlitten gestützt.

Servus Andi, grüßt Max fröhlich. Wir wollen Schlitten fahren gehen, kommst auch mit?

Schlittenfahren! Ich ziehe eine Grimasse. Vielleicht hat’s euch ja noch keiner gesagt, aber Schlittenfahren ist was für Kinder. Und ich kann es mir einfach nicht verkneifen, noch spitz hinzuzufügen: Übrigens genau wie deine Mütze.

Wer mich schief anschaut, weil ich mit 14 noch Schlitten fahre, kann mir auch sonst gestohlen bleiben, erwidert Max schulterzuckend. Und fügt spöttisch hinzu: Und wer zu meinem Geburtstag in einem quietschbunten Hawaii-Hemd aufkreuzt, sollte mich besser nicht wegen meiner Mütze aufziehen.

Wie schön für dich! Na dann wünsch ich euch mal noch viel Spaß mit den ganzen anderen kleinen Kindern.

Heißt also, du kommst nicht mit? hakt er nach, und seine Augenbrauen gehen auf Kuschelkurs mit dem Saum seiner Mütze.

Schlaues Kerlchen! antworte ich von oben herab – was wegen dem Größenunterschied zwischen uns beiden nicht einmal besonders schwer ist – und schlage ihm die Tür vor der Nase zu.

 

Wer war denn das, Andi?

Ich drehe mich um und sehe meine 6-jährige Schwester Isabel vor mir stehen, die neugierig zu mir aufschaut. Sie wirbelt schon den ganzen Tag durchs Haus und nervt jeden, der ihr vor die Nase kommt, so daß sie wie ein Ping-Pong-Ball zwischen dem Rest der Familie hin und her gespielt wird.

Eine Nervensäge! erwidere ich kurz angebunden und will an ihr vorbei gehen. Sie ist kaum aus meinem Sichtfeld verschwunden, da hängt sie sich schon an meine Beine, was das weitergehen freilich erschwert. Aus ihren braunen Kulleraugen schaut sie zu mir auf.

Was machst du jetzt?

Erst mal werd ich versuchen, dich abzuschütteln, sage ich und mache mich sogleich daran, Worten Taten folgen zu lassen. Und dann geh ich nach oben, zocken.

Darf ich zusehen?

God of War ist nichts für kleine Kinder! wehre ich streng ab. Das war mir bisher einmal egal; leider hat Isabel hinterher Mama erzählt, wobei sie mir zugesehen hat, und die ist beinah ausgeflippt, weil ich vor den Augen meiner kleinen Schwester ein blutiges Metzelspiel gezockt habe. Dummerweise hat sie dabei dann auch noch rausgefunden, daß das Spiel ab 18 ist und ich selber noch zu jung dafür bin... zum Glück hat mir Hansi seins geliehen. Geh lieber wieder deine Bilder weiter malen.

Au ja, das mach ich! ruft sie und flitzt in die Küche. Sie streckt noch mal ihren Kopf heraus. Ich mal für dich auch ein Bild! Und weg ist sie. Ich atme auf. Noch mal abgeschüttelt!

 

Fast geschafft! Die Bescherung steht vor der Tür – das einzig gute an Weihnachten! Gerade eben sind wir noch durch’s ganze Haus getigert und haben jeden einzelnen Raum mit Weihrauch voll gestunken – in meinem Zimmer hab ich meinen Vater recht schnell am Ärmel gezupft, damit er woanders mit dem Zeug hin geht – und überall Weihwasser rein gespritzt.

Anschließend ins Wohnzimmer rein und endlos lange Stille Nacht gesungen (ich hab nur verhalten mit gesummt, weil ich keinen Bock auf singen hatte), während ich gierig auf die zahllosen Päckchen unter dem Christbaum gestarrt habe. Da kommt einem das Lied gleich noch länger vor, als es eh schon ist...

So, noch eine schnelle Glückwunsch-Runde, und dann geht’s los! Gerade will ich mich auf meine Geschenke stürzen, als Isabel mich am Arm zupft. Sie hält mir freudestrahlend ein bunt bekritzeltes Blatt Papier entgegen.

Schau mal, Andi, das ist für dich!

Ich mache keine Anstalten, nach ihrem Geschenk zu greifen, sondern betrachte es etwa so, wie es Indiana Jones mit einer Schlange tun würde. Es ist eines ihrer selbstgemalten Bilder, aber ehrlich gesagt habe ich keinen Bock auf dieses Kindergekritzel... was sollen denn meine Freunde denken, wenn sie so etwas in meinem Zimmer sehen?!

Ähm... nein danke! erwidere ich so freundlich wie es mir möglich ist, und will mich abwenden.

Aber... das will ich dir doch zu Weihnachten schenken, murmelt sie enttäuscht. Na super... obwohl Isabel wie jedes 6-jährige Kind noch ans Christkind glaubt, hat sie schon gehört, daß man sich zu Weihnachten auch gegenseitig etwas schenken darf.

Danke, aber ich will nicht, daß du mir etwas schenkst, versuche ich mich gentleman-like aus der Affäre zu ziehen. Ich hab ja auch kein Geschenk für dich.

Das stört mich gar nicht, versichert mir die kleine, wild den Kopf schüttelnd. Ich will dir trotzdem was schenken!

 

Ich bin fast schon geneigt, das Bild, wenn auch widerwillig, anzunehmen, aber dann fange ich die Jetzt-nimm-ihr-Geschenk-doch-einfach-an-Blicke meiner Eltern auf – und werde störrisch.

Ich brauch das Bild nicht, ich weiß nicht mal, was ich damit machen sollte!

Isabel laufen schon die ersten Tränchen über die Backen, und meine Mutter versucht zu intervenieren. Du könntest es doch an die Wand hängen, zu deinen Postern.

Bedaure, kein Platz mehr, alles verplant!

Natürlich muß sich mein Vater auch noch einmischen... er nimmt Isabel das Blatt aus der Hand und hält es mir auffordernd entgegen. Es kann doch wohl nicht so schwer sein, mal höflich zu sein, oder?! raunt er mir ungehalten zu. Also nimm ihr Geschenk an, oder...!

Er droht mir? Echt jetzt? Ich glaub, es hackt! Auf Drohungen reagiere ich seit jeher gereizt (man sollte meinen, daß ihm das in den letzten 15 Jahren mal aufgefallen ist), und daher tu ich jetzt leider etwas sehr unbesonnenes.

Ich will das blöde Bild nicht, kapiert?! fauche ich ihn an, reiße ihm das Blatt weg, zerknülle es und werfe es auf den Boden.

Einen Moment lang ist es ganz still im Wohnzimmer, und mir kommt zu Bewußtsein, daß ich gerade etwas nicht allzu intelligentes gemacht haben könnte. Das Schweigen wird ausgerechnet von Isabel gebrochen, die heulend nach draußen rennt. Mutter läuft ihr sogleich hinterher, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen. Leider ist sie das einzige Elternteil im Raum, das so reagiert.

Das hast du ja wirklich super hingekriegt! blafft mein Vater mich an. Ich hab’s durchaus mitgekriegt, daß du schon die ganze Zeit am motzen bist, aber daß du uns Weihnachten versaust, hätte ich auch nicht gedacht. Ab mit dir auf dein Zimmer, aber plötzlich!

 

Moment mal, was ist mit meinen Geschenken?! protestiere ich lautstark. Vielleicht hätte ich das nicht gerade jetzt sagen sollen.

Die bekommst du morgen, versetzt mein Vater gereizt. Vielleicht! Wenn du dich bei deiner Schwester entschuldigt hast. Und jetzt mach, daß du auf dein Zimmer kommst, ich will dich heute nicht mehr sehen!

Schon gut, SCHON GUT! schreie ich ihn an und drehe mich auf dem Absatz herum. Dann feiert euer verficktes Weihnachten eben ohne mich, dämliches Vollspackenfest...!

Eine Mordswut im Bauch stürme ich nach draußen (nicht ohne die Wohnzimmertür hinter mir zuzuschlagen) und die Treppe hinauf in mein Zimmer (dessen Tür ich ebenfalls nicht gerade leise hinter mir schließe). Ich sperre die Tür hinter mir ab und schmeiße mich dann auf mein Bett.

Dämliches Weihnachtsfest! Wer immer diesen bescheuerten Brauch erfunden hat, gehört ans Kreuz genagelt... oh, Moment. Hat sich erledigt.

Nach einer Weile stehe ich seufzend wieder auf und schalte den Fernseher und die PS3 ein, um noch ein wenig zu zocken. Das erinnert mich aber nur wieder daran, daß unten im Wohnzimmer womöglich das neue Assassin’s Creed auf mich wartet (zumindest hab ich’s auf meinen Wunschzettel geschrieben), weshalb ich frustriert wieder ausschalte.

Ich verbringe noch eine Weile damit, mir Youtube-Videos reinzuziehen, aber auch davon kann mich nichts begeistern. Also tu ich etwas, das ich normalerweise nie um diese Zeit tun würde: ich tausche meine guten Klamotten gegen den Schlafanzug aus, schalte das Licht aus und gehe ins Bett.

 

II. Eine Warnung aus dem Diesseits

 

Keine Ahnung, wie lang ich geschlafen habe, aber es ist stockdunkel, als ich aufwache. Nicht von selber, sondern weil ein Geräusch mich geweckt hat, von der Tür her. Bewegt sich da nicht irgendwas...? Oh fuck... wird doch nicht etwa ein Einbrecher sein?!

Noch während ich fieberhaft überlege, was ich machen soll, geht plötzlich das Licht an, und ich halte mir erst mal geblendet eine Hand vor die Augen. Nach ein paar Sekunden kann ich sie wieder senken und schaue blinzelnd und mit offenem Mund in den vorderen Bereich meines Zimmers. Der Anblick, der sich mir da bietet, hätte einem 5-jährigen vielleicht sogar Angst gemacht... einem 15-jährigen Teenager wie mir hingegen ringt er allenfalls tief empfundenes Mitleid ab.

Eine Gestalt, mit einem Bettlaken verhüllt, läuft und hüpft, wild mit den Armen rudernd, zwischen Tür und Fenster hin und her und ruft dabei wieder und wieder mit verstellter Stimme: WUHUU! WUUHUUU! ICH BIN EIN GEEEEIIIIST! FÜÜÜÜRCHTE MIIIICH!

Kopfschüttelnd sehe ich dem Schauspiel eine Weile zu, dann stehe ich auf, trete auf den Komiker zu (ich habe ihn ohnehin schon an der Stimme erkannt) und reiße ihm mit einem Ruck das Bettlaken herunter.

 

Gratuliere, Kumpel! Damit dürfest du deinen eigenen Negativ-Rekord an peinlichen Darbietungen definitiv gebrochen haben!

Augenblicklich kommt Markus – unter normalen Umständen einer meiner besten Freunde – zum stehen und schaut mich, beide Augenbrauen hebend, an. Wäre dir ein CGI-Effekt lieber gewesen? Schraub deine Ansprüche mal runter, Spezialeffekte sind teuer!

Haha, wie lustig! Mein Blick fällt auf meinen Radiowecker, der in leuchtenden Ziffern anzeigt, daß es kurz nach Mitternacht ist. Verrat mir lieber, was du hier machst, mitten in der Nacht.

Ich bin hier, um dich zu warnen. Du bist im Begriff, einen furchtbaren Fehler zu begehen!

Ich verdrehe genervt die Augen. Wie melodramatisch... wenn du schauspielern willst, such dir eine Bühne irgendwo außerhalb meines Zimmers!

Das Jeans und Pulli tragende Ex-Gespenst räuspert sich. Nein, echt jetzt. Dein Verhalten gestern war total asi, du bist auf dem besten Weg, dich von allen, die dir wichtig sind, zu entfremden!

Ja, da hast du bestimmt recht, sage ich zustimmend, ernsthaft nickend. Ich hab meine Eltern genervt, meine kleine Schwester zum weinen gebracht und einem Kindskopf ohne Modebewußtsein die Tür vor der Nase zugeschlagen. Zweifellos steh ich schon mit einem Fuß im Fegefeuer!

Sagen wir, du bist auf dem Weg, seufzt Markus. Er scheint das Gespräch mit mir auch nicht eben zu genießen. Kenn ich schon. Und um dich davon abzubringen, werden dich heute nacht fünf Geister besuchen. Und zwar die der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht! Sie werden dir helfen...

Den Rest bekomm ich nicht mit, weil ich mir gerade den ultimativen Facepalm gebe.

 

Oh! Mein! Gott! Ich betrachte ihn mitleidig. Du willst mir nicht ernsthaft erzählen, daß ihr hier Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte nachspielen wollt, oder? Wer von euch hatte die Idee, du oder Max? So was hirnrissiges und selten dämliches kann nur von einem von euch beiden kommen! Ich seufze wieder. Ach ja, es sind übrigens nur drei Geister, und nicht fünf... wenn du auch mal echte Literatur lesen würdest, und nicht nur deine billigen Kitschromane, wärst du vielleicht schon von selber drauf gekommen!

Beschwer dich nicht bei mir, gibt er patzig zurück. Taju wollte uns alle drin haben, also hat er die Geschichte ein wenig abgeändert. Könnten sogar sechs werden, mal sehen.

Who the Fuck ist dieser Taju denn schon wieder? Sollte ich den kennen? Am besten geh ich gar nicht erst drauf ein.

Ah, und deshalb bist es wohl auch nur du, der mir die Warnung schickt, und nicht mein vor Jahren verstorbener Geschäftspartner, oder? frage ich mit hohntriefender Stimme.

Markus zuckt mit den Schultern. Hast du denn einen vor Jahren verstorbenen Geschäftspartner?

Äh... nein?

Na also, wo ist dann dein Problem? gibt er grinsend zurück.

 

Soll ich jetzt lachen oder weinen? Das ganze ist doch echt nur noch lächerlich. Weißt du was, du kannst mich mal gern haben... könnt ihr alle mit eurer Kindergarten-Aktion. Ich leg mich wieder schlafen.

Ich mache Anstalten, mich wieder hinzulegen.

Geh ich recht in der Annahme, daß du das alles nicht so richtig ernst nimmst? fragt Markus leicht verärgert klingend.

Wow, hast du das selber rausgefunden, oder mußte dir jemand dabei helfen? Ich gähne geräuschvoll, natürlich ohne Hand vor dem Mund. Mach das Licht aus, wenn du raus gehst, ja?

Ich glaube, ich erteile dir erst mal eine kleine Lektion. Nur damit dir klar wird, daß das hier kein Spaß ist. Also los, aufstehen! Und dann auf den Boden knieen und über’s Bett legen.

Okay, jetzt wird’s unheimlich... denn ich mache genau das, was er sagt! Ich will es zwar nicht, aber meinem Körper scheint das irgendwie egal zu sein, denn er befolgt die Anweisung ohne zu zögern.

Was zur... wie machst du das?!

Geister können sowas, meint er beiläufig und hält mir etwas vor die Nase, das irgendwie aussieht wie eine sehr flache Holzbürste... nur ohne Borsten. Hier, erkennst du das hier wieder? Das ist das Paddle, das du mir damals in dieser einen Schulstunde übergezogen hast. Weißt du noch? Geschichte bei Lampl, als die Klima-Anlage kaputt war und es so sauheiß war?

 

Ungläubig blicke ich ihn an. Das war doch nur ein Tagtraum, von dem ich ihm nie erzählt habe! Wie kann er davon wissen?

Geister können sowas, wiederholt er und zeigt mir ein breites Grinsen. Ich möcht’s ihm gerade am liebsten einschlagen, aber ich bin ja leider, äh... verhindert. Er beugt sich zu mir herunter, und zu meinem Entsetzen zieht er mir Pyjama– und Unterhose bis zu den Knieen herunter. Ich will mich aufbäumen, aufspringen, irgendwas – aber mein Körper macht keinen Mucks!

Hör sofort auf mit dem Scheiß! schäume ich, froh, daß mir immerhin meine Stimmbänder noch gehorchen.

Aufhören? kichert er belustigt. Aber ich fang doch gerade erst an!

Und damit knallt er mir das Paddle volle Kanne auf meinen entblößten Hintern. Und ich muß feststellen, daß mein Körper mir zwar nicht gehorcht, ich aber trotzdem jeden Schmerz voll und ganz spüre, der ihm zugefügt wird. Ganz schön unfair, finde ich!

Und weiter geht es, Schlag auf Schlag. Jeder einzelne brennt gewaltig auf meinen schutzlosen Hinterbacken, und obwohl ich alles tun möchte, um ihnen zu entgehen, bin ich ihnen doch hilflos ausgeliefert. Zwar winde ich mich voller Pein und verlagere immer wieder das Gewicht auf das eine oder andere Knie, aber das ist mehr reflexhaft und geht ganz von selbst. Wenn ich aufstehen oder mich zur Seite werfen will, passiert gar nichts.

Auaa! Aufhören! Laß das, du Wichser! tobe ich, während sich auf meinem Arsch ein immer nachhaltigeres Brennen ausbreitet.

 

Und dann ist es vorbei. Wird wohl ein gutes Dutzend gewesen sein, das er mir aufgebrummt hat, aber das reicht auch, finde ich. Markus ist fast so groß wie ich und mindestens ebenso kräftig, und ich bin schon nicht gerade ein Schwächling.

So, du kannst wieder aufstehen, sagt er und richtet sich wieder auf. Will deinen Arsch ja nicht zu sehr ramponieren... so wie du dich aufführst, bekommst du von den Weihnachtsgeistern sicher auch noch was.

Sein hämisches Grinsen paßt mir gerade überhaupt nicht, aber immerhin gehorcht mir mein Körper wieder, und schnell stehe ich auf und ziehe meine Hosen wieder hoch.

Deine blöden Weihnachtsgeister können mir gestohlen bleiben! fauche ich ihn an, während ich mir verstohlen den schmerzenden Hintern reibe.

Denen wirst du nicht entgehen können, selber schuld, meint er in gespieltem Bedauern. Er wirft einen kurzen Blick auf meinen Radiowecker. Der erste wird so gegen ein Uhr kommen... du hast also noch etwas Zeit, um deinen Arsch zu kühlen.

Er dreht sich halb um und hebt die Hand zum Aschied. So, mein Part ist rum, ich bin dann mal weg. CU! Und dann wirft er etwas auf den Boden vor seinen Füßen, es gibt einen Knall und eine Rauchwolke, und weg ist er.

Hammer Spezialeffekte... Michael Bay wäre grün vor Neid.

Mit einem zornigen Schnauben stapfe ich zur Tür, schalte das Licht aus und hau mich wieder ins Bett.

 

III. Der Geist der vergangenen Weihnacht

 

Nach viel zu kurzer Zeit wache ich schon wieder auf, als mich jemand sachte an der Schulter berührt. Schlaftrunken vor mich hin murmelnd, drehe ich mich auf die andere Seite.

Äh... Entschuldigung bitte? Schon wieder ein Zupfen, diesmal an meiner anderen Schulter. Die Stimme kommt mir irgendwie bekannt vor.

Hau ab, laß mich schlafen! maule ich und vergrabe mein Gesicht tief in mein Kopfkissen.

Aber ich...! protestiert der andere.

So wird das nichts, meint eine zweite Stimme von der anderen Seite seufzend. Zieh ihm eins über!

Untersteht euch, wer ihr auch seid! knurre ich in mein Kissen.

Meinst du... so? Eine Hand berührt leicht meinen Hinterkopf. Das hätte ja nicht mal Isabel weh getan!

Nein, ich dachte eher an sowas, meint der andere und verpaßt mir eine Kopfnuß, die sich gewaschen hat.

Au, verdammt, ihr habt sie wohl nicht mehr alle! Wütend wälze ich mich herum und fahre hoch. Dabei kann ich nun auch die beiden Störenfriede zweifelsfrei identifizieren. Links von mir sehe ich das blasse, fast weiße Gesicht von Thommy, rechts das schokoladenbraune (Geschmacksrichtung Zartbitter) von Mike. Beide sitzen auf meiner Bettkante und sehen mich an; Thommy schüchtern-nervös, Mike wie üblich ruhig-überlegen, als wäre es das normalste auf der Welt, nachts um ein Uhr auf meiner Bettkante zu sitzen.

Ich ziehe eine Grimasse. Na toll, und was wollt ihr zwei Komiker jetzt hier?

 

Also ich... ich meine, wir... äh, was ich sagen wollte... stottert Thommy munter drauf los, verliert komplett den Faden und deutet dann stumm auf Mike.

Hat dir Markus nicht gesagt, worum es geht? will der in gelangweiltem Ton wissen. Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht und hier, um... ach bitte, darauf kommst du jetzt wirklich von selber, oder?

Ein Schwarzer als Weihnachtsgeist... mal was neues. Und was will er hier? Ich deute auf Thommy, ohne diesen auch nur eines Blickes zu würdigen.

Der macht gerade seine Ausbildung zum Weihnachtsgeist... und Taju dachte, daß es eine gute Idee ist, wenn ich ihn mitnehme, damit er einem alten Weihnachtsgeisterhasen bei der Arbeit zusehen kann.

Schon wieder dieser Taju... was für’n Freak ist das eigentlich? Der ist wohl auch für diesen Weihnachtsgeister-Azubi verantwortlich, von dem ich mir ziemlich sicher bin, daß er in der Romanvorlage NICHT vor kam. Markus hat ja schon angedeutet, daß die Geschichte diesmal etwas anders ablaufen soll.

Ihr könnt euch gleich wieder verpissen, hab keinen Bock auf eure Scheiße! schleudere ich ihnen trotzig entgegen und leg mich wieder flach.

Er scheint nicht sehr kooperativ zu sein, stellt Mike fest und räuspert sich. Na, auch gut, dann eben auf die harte Tour. Auf den Bauch drehen und schön ruhig liegen bleiben, aber ziemlich zügig!

Wieder gehorcht mein Körper aufs Wort, und mir kommt in den Sinn, daß es vielleicht ein Fehler gewesen sein könnte, so störrisch zu sein. Hey hey, wartet, nicht so schnell, ja? rudere ich hastig zurück. Nicht gleich fies werden, ich komm ja mit! Ich komme mit, okay?

 

Oh ja, das wirst du... sobald wir dir etwas Disziplin eingebleut haben. Thommy – runter mit den Hosen. Kurzes Schweigen, dann ein genervtes Seufzen. SEINE Hosen sollst du runter ziehen, Thommy – NICHT deine!

Oh... Entschuldigung, murmelt der andere verlegen. Und trotz meiner Proteste greift er in den Saum meiner Hosen und zieht sie mir bis zu den Knieen herunter, so wie vorhin schon Markus.

Sieh mal an, bemerkt Mike, der wohl die Spuren der ersten Züchtigung entdeckt, anerkennend. Da scheint ja jemand schon Vorarbeit geleistet zu haben.

Wow... Auch aus Thommys Stimme klingt Bewunderung. Ich hätte nicht gedacht, daß Andi so einen tollen Hintern hat!

Laßt bloß eure Hände von meinem Arsch, ihr zwei Schwuchteln! tobe ich wütend. Ich hab ja echt kein Problem damit, daß vier meiner besten Freunde – Max und Christian vervollständigen das Quartett – Homos sind, aber an meinem nackten Hintern müssen die echt nicht rumgrabbeln!

Keine Sorge, niemand will dich befummeln, wir verhauen dich nur! bemerkt Mike sarkastisch, aber bitte, ganz wie du willst, wir lassen unsere Hände von dir. Aus den Augenwinkeln kann ich erkennen, wie er sich zum Boden hinunter bückt und wieder hoch kommt, um Thommy irgendwas zu geben. Hier, nimm einen von seinen Schlappen, die sind ihm anscheinend lieber.

Mir kommt der Gedanke, daß ihre Hände vermutlich weniger schmerzhaft gewesen wären als meine Hausschuhe.

Was, ich soll das machen? fragt Thommy erstaunt.

Sowas gehört auch zum Business. Jetzt mach schon, Kleiner!

 

Thommy kommt der Aufforderung nach und zieht mir das Ding über den Arsch. Ich bin nicht besonders überrascht, daß es kaum weh tut... und ebensowenig, daß Mikes zu Demonstrationszwecken ausgeführter Hieb deutlich mehr durchzieht. Aua!

Der Azubi macht weiter, und allmählich ist eine deutliche Steigerung spürbar. Seine Hiebe werden zunehmend fester und zielgerichteter... der Junge scheint schnell zu lernen. Mike spart trotzdem nicht mit Hinweisen und Ratschlägen.

Nicht immer abwechselnd, schlag unregelmäßiger zu! – Noch fester durchziehen! – Da, siehst du diese Stellen, an den Seiten und am Poansatz? Da erzielst du besonders gute Wirkung. – Hier, die Stelle ist noch fast weiß, konzentrier dich da drauf!

Verdammter Exil-Ami, blödes Millionärssöhnchen, ich könnt’ sie alle beide...! Thommy tut sein möglichstes, um einen Flächenbrand auf meinem Arsch zu entfachen, und obwohl ich die Zähne zusammenbeiße und mein möglichstes tue, nicht zu jammern, bricht meine Selbstbeherrschung immer wieder mal zusammen.

 

So, hör auf, das dürfte jetzt reichen, weist Mike seinen Hilfs-Weihnachtsgeist an, und die Schläge hören tatsächlich auf. War auch höchste Zeit! Ich denke, unser Freund hier dürfte jetzt auch so kooperativ genug sein. Stimmt doch, oder, Andi?

Gib’s doch zu, das hast du nur gemacht, weil ich dich bei Call of Duty immer in den Boden stampfe! presse ich hervor, ein paar dem Schmerz entsprungene Tränchen mit aller Macht zurück haltend. Fehlt mir noch, daß die zwei denken, sie hätten mich zum heulen gebracht!

Genau genommen lasse ich dich da immer absichtlich gewinnen. Aber könnten wir jetzt los? Die Nacht dauert nicht ewig, und zwei Geister kommen später noch.

Grummelnd und ächzend richte ich mich auf, und als ich bemerke, wie gebannt Thommy auf meinen Hintern starrt, ziehe ich blitzschnell die Hosen wieder rauf. Er wendet den Blick ab, und seine Wangen nehmen die Farbe an, die gerade meine Hinterbacken zieren dürfte.

Na schön, seufze ich genervt, wo wollen wir hin?

In die Vergangenheit natürlich. Und wie ginge das besser als mit einem Zeitreise-Mobil?

Wir gehen auf den Balkon hinaus, wo besagtes Gefährt startbereit in der Luft parkt. Und ich komme mir vor wie in einer verdammt schlechten Zurück in die Zukunft-Parodie. Die Aufbauten und sonstigen Anpassungen sind alle vorhanden, nur ist das kein DeLorean wie im Film, sondern...

 

Ein VW Käfer? Echt jetzt?

DeLorean hatte zu lange Lieferzeiten... und jetzt einsteigen, anschnallen und Schnauze halten, das Jahr 2008 wartet auf uns!

Augenrollend nehme ich neben Mike auf dem Beifahrersitz Platz – Thommy muß auf den Rücksitz – und sehe zu, wie er den Flux-Kompensator anschmeißt und uns vier Jahre in die Vergangenheit befördert.

Auch hier ist es Winter, als wir ankommen. An einem Hang voller im Schnee spielender Bälger kommen wir zum stehen und steigen aus. Keine Ahnung, warum, aber die Kälte spüre ich komischerweise gar nicht, obwohl ich nur in Pyjama und Schlappen hier stehe. Dabei täte die meinem brennenden Arsch eigentlich gerade ganz gut...

Na gut, und was sollen wir hier? murre ich. Mike deutet rüber zu den spielenden Kindern, von denen etliche mit Schlitten oder Plastik-Bobs da sind, auf denen sie johlend den Hang herunter rutschen. Und ich sehe, was er mir zeigen will – nämlich mich. Oder genauer gesagt: mein 11-jähriges Ich, das sich, zusammen mit seinen besten Freunden, an der allgemeinen Rutschpartie beteiligt. Und dabei offenbar einen Mordsspaß hat.

 

Na sowas, läßt sich Mike nach einer Weile vernehmen. Sieht ja glatt so aus, als hättest du mal direkt Spaß daran gehabt, im Schnee zu spielen. Er blitzt mich spöttisch an. Kaum zu glauben, aber wahr!

Warst du denn da gar nie dabei? fragt Thommy, der sich unserer Clique erst vor ein paar Monaten angeschlossen hat, neugierig.

Mike schüttelt bedauernd den Kopf. Ich kannte ihn damals noch nicht. Andi, Markus, Christian und Max waren damals schon die besten Freunde, ebenso wie ich, Björn und Hansi. Aber zusammen gefunden haben wir erst etwas später.

Ich stehe schweigend daneben und blicke hinter dem kleinen Andi her, der sich mittlerweile verabschiedet hat und durch den tiefen Schnee nach Hause stapft. Ist ja von hier aus nicht weit. Zugegeben, ein kleines bißchen wehmütig hat es mich schon gemacht, den Kindern beim Schlittenfahren zuzusehen – was wir damals für einen Spaß hatten!

Aber was soll man machen, die Zeiten sind nun mal vorbei. Und es ist ja nicht so, als wäre mein Leben leer und langweilig geworden.

Mike schaut mit starrem Blick zu einem der anderen Jungen hinüber, die mein jüngeres Ich zurück gelassen hat. Muß nicht lange raten, zu wem. Nun reißt er seinen Blick los und räuspert sich.

Na dann, gehen wir mal weiter, oder? Und auf meinen fragenden Blick hin fügt er hinzu: Na, zu dir nach Hause natürlich.

 

Eine Rauchbomben-Teleportation später stehen wir in der Küche der Familie Holzner, wo der kleine Andi gerade am Küchentisch sitzt, auf dem ein Teller Plätzchen und eine Tasse heißer Kakao stehen. Ich streife seine schwarzen, von der Wollmütze etwas zerzausten Haare mit einem mißbilligenden Blick. Nicht gefärbt, nicht gegelt – wie konnte ich mich so nur unter die Leute wagen!

Der Junge scheint uns gar nicht zu bemerken, ebensowenig das kleine 2-jährige Mädchen, das fröhlich lachend auf dem Boden herum tollt.

Vorsichtig, Isabel, nicht so wild, ermahnt der 11-jährige den kleinen Wirbelwind. Nicht, daß du dir weh tust. Als ob das irgendwas helfen würde... war ich damals echt so naiv?

Und schon passiert’s: als sie über den Boden schlittert, bremst sie zu spät ab und knallt gegen die Wand. Und fängt natürlich zu heulen an.

Der jüngere Andi springt auf und rennt zu ihr, um sie auf den Arm zu nehmen. Hast du dir weh getan? Geht’s wieder? fragt er besorgt. Und als sie weinend auf ihre Stirn deutet, an der sie sich gestoßen hat, pustet er ihr ein paar mal sachte dagegen, bis sie sich wieder beruhigt.

Meine Fresse, und das vor Mike und Thommy! Warum tut sich nie ein Loch im Boden auf, wenn man eines braucht?

Boah, wie niedlich, murmelt Thommy und seufzt wehmütig. Ich wünschte, ich hätte so einen großen Bruder gehabt! War ja klar... Weichei.

Meine Mutter – bzw. die meines jüngeren Ichs – eilt herein und fragt, was passiert ist. Aber Isabel kann schon wieder lächeln und schmiegt sich fest an die Brust ihres großen Bruders.

Komisch, wo kommt auf einmal dieses komische Stechen in meiner Brust her? Ich werd doch wohl nicht mit 15 schon Herzbeschwerden kriegen? Darauf kann ich noch gut verzichten!

 

Und schließlich steht die Bescherung bevor. Als Paps mit der Weihrauchpfanne durch’s Haus geht, dackelt der kleine Andi brav mit dem Weihwasserglas hinterher und spritzt in jeden Raum etwas hinein. Und hinterher, als Stille Nacht angestimmt wird, trällert er aus voller Kehle mit. Boah, was war ich damals für ein ekliger Streber!

Endlich ist der schönste Moment an Weihnachten da – die Geschenke dürfen geöffnet werden! Mein jüngeres Ich reißt seine Päckchen auf und legt sie dann erst einmal beiseite, um seiner kleinen Schwester beim öffnen ihrer Geschenke zu helfen. Ein dankbares Lächeln ist sein Lohn.

Mensch, so kenn ich dich ja gar nicht, murmelt Thommy erstaunt und schaut mich dann an. Nimm’s mir nicht übel, aber da hast du dich ganz schön geändert in den letzten Jahren.

Ungefähr ein Vierteljahr später haben unsere beiden Gruppen zusammen gefunden, erzählt Mike. Kurz danach hat er dann begonnen, sich zu ändern.

Willst du ihm gar nicht erzählen, wie ihr drei zu uns gefunden habt? frage ich bissig und deute dabei auf den hellhörig werdenden Thommy. Würde ihn bestimmt interessieren!

Mike verzieht kaum merklich das Gesicht. Ich glaube, das gehört jetzt nicht hierher, wir haben nicht die ganze Nacht für uns. War klar! Er will ja nur nicht zugeben, daß es eigentlich nur sein Interesse an Max war, das ihn bewogen hat, den Kontakt zu uns vieren zu suchen... Und weil er dabei Björn und Hansi quasi mitgezogen hat, waren wir plötzlich nicht mehr vier Freunde, sondern sieben. Was die Liebe doch bewirken kann!

 

Bis dahin war Andi immer der älteste gewesen, fährt Mike scheinbar unbeeindruckt fort, und obwohl der Altersunterschied zwischen den vier Jungen eigentlich nicht von Bedeutung war, wurde er das für Andi, als er plötzlich nicht mehr der älteste war. Da waren jetzt drei andere Jungen, teilweise ein Jahr älter als er. Möglicherweise hatte er Angst, den Respekt seiner Freunde zu verlieren, nicht mehr so wichtig zu sein?

Super analysiert, Dr. Freud, stöhne ich, genervt mit den Augen rollend. Ernsthaft, was immer du später mal werden willst – streich den Job des Psychologen von deiner Liste, du würdest SOWAS VON auf die Fresse fliegen!

Hey, ich stell hier nur eine Theorie auf, und ich finde sie gar nicht so abwegig. Aber bitte, dann sag du doch, warum du dich seit damals so anders verhältst?

Vielleicht werde ich ja einfach nur erwachsen, schon mal daran gedacht?

Mike nickt ernsthaft. Oh ja, echt unheimlich erwachsen von dir, mit allem und jedem auf Konfrontationskurs zu gehen, und jedem gegenüber den unausstehlichen Badass zu spielen. Alter Zyniker...

Mir fällt leider nichts mehr dazu ein, darum schweige ich. Nicht zuletzt deshalb, weil seine Worte einen wunden Punkt in meinem Inneren getroffen haben. Ich habe nämlich tatsächlich von Anfang an um den Respekt der älteren Jungen gekämpft. Aus Angst, ins Hintertreffen zu geraten? Ich kann’s nicht sagen.

 

Immerhin verzichtet Mike darauf, das Messer in der Wunde herum zu drehen und nachzubohren; hätte mich aber auch gewundert, das war noch nie seine Art.

Ohnehin scheint er jetzt auch genug von unserem Abstecher in die Vergangenheit zu haben, denn er wirft einen demonstrativen Blick auf seine Uhr.

Uuups, die Zeit läuft uns davon, wir müssen zurück! Die Nacht dauert eben nicht ewig. Kapier ich nicht, wir haben doch noch vier Jahre und ein paar Stunden, bis der nächste Weihnachtsgeist kommt...

Ich verzichte aber auf diesen Joke und folge den beiden widerspruchslos zurück zum Zeitreisekäfer, der uns zurück in die Gegenwart bringt. Als ich kurze Zeit später wieder allein in meinem Zimmer stehe, versuche ich mir darüber klar zu werden, ob das gerade wirklich passiert ist, oder ob das alles nur Einbildung war. Aber das Brennen auf meinem Hintern spricht eine deutliche Sprache – es war real.

Ich setze mich aufs Bett und werfe einen Blick auf die Uhr – noch etwas mehr als eine halbe Stunde, bis der nächste Weihnachtsgeist eintreffen soll. Also lege ich mich wieder flach und versuche noch etwas zu schlafen.

Es funktioniert aber nicht so recht. Die Erinnerungen an die Vergangenheit nagen doch mehr an mir, als ich mir eingestehen möchte.

 

IV. Der Geist der gegenwärtigen Weihnacht

 

Muß wohl doch noch irgendwie eingedöst sein, denn eine Kopfnuß trifft mich komplett unvorbereitet, und ich schaue empört zu dem Kerl auf, der sie mir verpaßt hat.

Natürlich, hätte ich mir ja denken können, stöhne ich genervt, als ich Björns breitschultrige Gestalt wahr nehme, die sich neben meinem Bett aufgebaut hat und mit hämischem Grinsen auf mich herab schaut.

Hast du aber nicht, wie üblich! erwidert der 16-jährige feixend.

Haha, wie lustig – dabei ist es im allgemeinen doch er, der oft ohne nachzudenken handelt und sich so Ärger verschafft. Gerne auch mal von seinem Vater, der seinen Arsch dann einer ausgiebigen Gürtelbehandlung unterzieht – unser Kumpel Björn wird noch auf die altmodische Art bestraft.

Diesmal ist es aber wohl eher mein Arsch, der auf der Liste der gefährdeten Körperteile ganz weit oben steht, also verkneife ich mir lieber eine spitze Antwort. Ich hab in dieser Nacht bereits zweimal ordentlich was eingesteckt, und gerade Björn, über dessen Erziehung ich mich regelmäßig lustig mache, würde mir zweifellos enorm bereitwillig und ohne zu zögern noch was dazu geben!

Also? Er blickt mich abwartend an, die Arme vor der Brust verschränkt.

Also was? frage ich gereizt zurück.

Wollen wir dann mal los?

Ich seufze genervt. Hab ich denn ’ne Wahl?

Nicht wirklich. Du weißt ja vermutlich schon, was dir blüht, wenn du nicht kooperativ bist.

Na dann, bringen wir’s hinter uns! Mit einem erneuten Seufzen befördere ich mich zurück in die Senkrechte.

 

Da wir diesmal wohl darauf verzichten, eine andere Zeitebene aufzusuchen, erwarte ich, daß er eine von diesen Rauchbomben fallen läßt und uns so ans Ziel bringt, wo immer das auch sein mag. Entsprechend überrascht bin ich, als er – wie zuvor Mike – den Balkon ansteuert.

Mit verhaltener Neugier folge ich ihm nach draußen. Und als ich sehe, was dort wartet, kann ich nicht anders, als mitleidig den Kopf zu schütteln. Ich tippe Björn auf die Schulter.

Du, Walt Disney hat gerade angerufen, sage ich mit säuerlicher Miene, er will seinen ultra kitschigen Rentierschlitten wieder haben!

Tatsächlich sieht das Ding, das da vor unserem Balkon vor Anker gegangen ist, exakt aus wie einem dieser zum kotzen niedlichen Weihnachts-Cartoons entsprungen. Ein großer, üppig behufter Holzschlitten, mit Lichterketten geschmückt, und vorneweg ein Gespann von vier Rentieren, die mich aus großen Augen ansehen!

Selbst der Typ, der die Zügel hält, sieht aus wie der Nikolaus, inklusive weißem Rauschebart. Er ist es aber nicht, wie ich auch gleich bemerke, als er mich angrinst und mir etwas zu ruft.

Hey, was geht ab, Alter? Bereit für eine fröhliche Weihnachts-Spritztour?

Nimm sofort diesen bescheuerten Bart ab! rufe ich ungehalten zurück. Als ob die Klamotten nicht schon peinlich genug wären. Oh Mann... und ich hab echt gedacht, Markus’ Bettlaken wäre nicht mehr zu toppen.

Ist ja gut, in Ordnung, räumt Hansi ein und reißt sich das weiße Zottelding vom Gesicht. Die rote Mütze behält er aber auf.

Trotzdem bin ich jetzt schon wesentlich geneigter, auf das Balkongeländer und von da aus vorsichtig auf den leicht schwankenden Schlitten zu klettern.

 

Du spielst hier also seinen Chauffeur? frage ich und deute dabei auf Björn, der es sich gerade auf der anderen Seite neben mir bequem macht.

Genau das, ich bin ausgebildeter Rentierschlittenfahrer! sagt Hansi mit stolzgeschwellter Brust. Na, ob man damit angeben kann? Ein bißchen an den Zügeln ziehen und laut Ho Ho Ho! zu brüllen, dürfte wohl nicht so schwer sein.

So oder so, das macht die Frage nach der Identität des letzten Weihnachtsgeistes ja dann extrem spannend... viel Auswahl bleibt da nicht mehr. Ich tippe auf Chris, denn Max ginge ja maximal als Parodie auf einen Weihnachtsgeist durch.

Also dann... was habt ihr zwei jetzt mit mir vor?

Zuerst einmal zeigen wir dir, wie man anderswo Weihnachten feiert, verkündet Björn und gibt seinem Fahrer das Zeichen zum losfahren.

YEAH! ruft Hansi begeistert und reißt herzhaft an den Zügeln. Up, up and away! Die Geweihträger kommen in die Hufe und flitzen munter los, und der Schlitten macht einen ordentlichen Satz, der uns hoch in die Luft befördert. Bevor sich aber ein echtes Geschwindigkeitsgefühl einstellen kann, gehen wir auch schon wieder in den Landeanflug über und kommen schlitternd vor dem Haus von Max’ Familie zum stehen. Logo, ist ja auch nur ein– oder zweihundert Meter weg.

Na super, das hat sich ja jetzt gelohnt, das kleine Stück mit dem Rentierschlitten zu fliegen, oder? frage ich augenrollend, während wir wieder festen Boden unter unsere Füße bringen.

Eigentlich nicht, gibt Björn schulterzuckend zu, aber wir müssen die Jungs beschäftigen, weil sonst die Gewerkschaft der Rentierschlittenfahrer Stunk macht. Sie müssen ja was verdienen, und wir bezahlen sie nach Kilometern!

Sorgloses Weihnachts-Winter-Wunderland, frei von Real world problems... lol, von wegen!

 

Wir gehen hinein, und trotz der späten Stunde ist das Haus noch hell erleuchtet. Das liegt daran, daß die Bescherung im Hause Baumer gerade in vollem Gange ist; wir finden Max mit seinen beiden Geschwistern und den Eltern im Wohnzimmer, wo sie gerade aus voller Kehle Stille Nacht anstimmen.

Und leider singt auch Max fleißig mit. Dabei ist es, seit der Knabe im Stimmbruch ist, schon eine kleine Qual, ihn auch nur reden zu hören – wenn er auch noch singt, ist das pure Ohrenfolter! Was sagt eigentlich die Genfer Konvention zu der Sache?

Wie auch schon bei meinem Kurzbesuch in der Vergangenheit nimmt niemand Notiz von uns, weshalb ich es auch schnell wieder aufgebe, Max und seinem Bruder Hasenohren zu verpassen. Ist nur halb so lustig, wenn der betroffene es sowieso nicht merken kann.

Und es erlaubt mir, Björn eine Frage zu stellen, die mir auf der Zunge brennt. Sag mal, wenn das hier die gegenwärtige Weihnacht ist – wieso können wir dann hier die Bescherung miterleben, wenn die doch schon seit Stunden vorbei ist?

Björn verzieht das Gesicht. Ach, hör mir mit Logikfehlern auf! Du meckerst ja auch nicht darüber, daß man bei Star Wars in den Raumschlachten die ganzen Schüsse und Explosionen hört, obwohl es im Weltall keinen Schall gibt!

Okay, der Punkt geht an ihn. Ich richte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Bescherung, wie es von mir erwartet wird, und beobachte gelangweilt, wie sich alle eine frohe Weihnacht wünschen und dann ihre Geschenke auspacken.

Oha! Max hat dieses eine neue Videogame bekommen, das gerade erschienen ist – muß ihn mal fragen, ob er es mir leiht. Davon abgesehen kann ich dem ganzen aber wenig interessantes abgewinnen, was ich meinem Weihnachtsgeistbegleiter auch mitteile.

 

War ja klar, daß dich das nicht schockt, knurrt der zur Antwort. Aber warte nur, bis nachher mein Kollege dran ist, der wird dich so richtig aus den Socken hauen, das garantier ich dir!

Ja, schon klar, entgegne ich spöttisch. Der zeigt mir dann bestimmt meinen Grabstein, oder?

Dein Grabstein? Björn wirft mir einen schrägen Blick zu. Also... ich weiß ja nicht, ob dir die anderen das so richtig erklärt haben, aber... Taju hat die Geschichte so ’n bißchen abgeändert, weißt du?

Schon wieder dieser Freak... so langsam reicht’s mir aber. Gott, ihr nervt langsam mit eurem Taju! rufe ich und werfe die Arme in die Luft. Wer zum Henker IST dieser Typ eigentlich?!

Er ist unser Schöpfer, erklärt Björn in feierlichem Ton. Der, der uns erschaffen hat und uns mit seiner Kreativität Leben einhaucht!

Das wird ja immer schwachsinniger hier! Oookay... also sowas wie das fliegende Spaghetti-Monster, hm?

Was? So ein Blödsinn, das gibt’s doch gar nicht wirklich!

Ich seufze und hole dann tief Luft. Also... du willst mir weismachen, daß dieser Typ uns erschaffen hat und wir nur dank seinem Willen existieren? Schon klar! Was erzählst du mir als nächstes? Daß die Erde eine Scheibe ist? Daß wir alle nur fiktive Figuren in einer Sammlung von Kurzgeschichten sind? Oder daß Nazis auf der Rückseite des Mondes leben, die nach der Weltherrschaft trachten?

Moment... woher weißt du das denn? fragt er halb verdutzt, halb mißtrauisch.

Hallo, Iron Sky? Wir haben uns den zusammen im Kino angesehen!

Nein, das mit den Kurzgeschichten!

Ehrlich, langsam macht er mir Angst...

 

Weil das jetzt natürlich rein gar nichts gebracht hat, gehen wir wieder nach draußen zum Schlitten, bei dem Hansi schon auf uns wartet.

Und wo geht’s jetzt hin? will ich wissen.

Wieder zurück zu dir nach Hause. Zeit, daß dieser faule Sack hier wieder etwas zu tun kriegt!

Hey, ich kann dich übrigens hören! protestiert der Möchtegern-Schlittenkutscher empört.

Björn grinst ihn hämisch an. Ja, ich weiß!

Arschgeige, murmelt Hansi finster. Muß dir wohl wieder mal was hochprozentiges in die Coke mischen!

Warum trägst du eigentlich immer noch diese peinlichen Klamotten? frage ich ihn gelangweilt. Ich dachte, du bist Weihnachtsgeist-Chauffeur und kein Aushilfs-Santa?

Was denn! Ich trag halt gerne rot... so seine beleidigte Antwort.

Björn gibt die Anweisung zum Abflug, und Hansi fliegt los, nicht aber, ohne sich zuvor mit ein paar ordentlichen Loopings am nächtlichen Winterhimmel für den faulen Sack zu bedanken. Zum Glück ist mein Magen von zahllosen Achterbahnfahrten gestählt, und auch Björn scheint die Nummer nicht wirklich zu beeindrucken.

Immerhin dauert der Rückflug dadurch fast doppelt so lang, aber wirklich viele Kilometer wird Hansi heute abend trotzdem nicht zusammen bekommen. Andererseits, wer weiß, wo die zwei losgeflogen sind...

 

Anders als vorhin dockt Hansi nicht am Balkon an, sondern landet im verschneiten Garten, direkt vor der Haustür. Ich sage nichts dazu, sondern folge Björn schweigend nach drinnen, wo wir kurz darauf in der Küche stehen, nicht allzu lange nachdem mein schon ein paar Stunden altes Ich ins Bett geschickt wurde.

Anscheinend kann auch der Geist der gegenwärtigen Weihnacht so’n bißchen durch die Zeit reisen, wenn er dabei nicht zu weit geht... Und einen Flux-Kompensator braucht er dazu offenbar auch nicht. Hab an dem Schlitten jedenfalls keinen gesehen.

Da, sieh dir an, was du angerichtet hast! sagt Björn anklagend und deutet auf Isabel, die vornüber gebeugt am Küchentisch sitzt und das Gesicht traurig in den Armen vergraben hat.

Also dafür kannst du mir nun echt nicht die Schuld geben! verteidige ich mich, grinsend mit den Schultern zuckend. Was kann ich dafür, wenn mein Alter damals zu faul war, ein Kondom zu benutzen?

Das Gesicht meines Kumpels verdüstert sich, und ich ziehe es vor, wieder ernst zu werden und genauer hinzusehen. Meine kleine Schwester scheint immer noch ganz schön down zu sein, wenn sie Trübsal blasend hier in der Küche sitzt, anstatt mit ihren Weihnachtsgeschenken zu spielen.

Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Blatt Papier, dazu ein paar Buntstifte. Mir fällt der Papierkorb neben dem Tisch auf, der voller zusammengeknüllter Blätter ist. Scheint, als hätte sie sich meine Zurückweisung echt zu Herzen genommen.

Zugegeben, ein bißchen leid tut sie mir schon. Klar, es ist nur Kindergekrakel, aber für eine 6-jährige zeichnet meine Schwester sehr gut, und obendrein leidenschaftlich gern. Will man sie mal für eine Stunde ruhig stellen, braucht man ihr nur einen Zeichenblock und eine Packung Buntstifte geben; danach braucht man allerdings einen neuen Block. Jedenfalls ist meine Mutter davon überzeugt, daß sie mal eine Künstlerin wird oder so.

Ein kleines Mädchen zum weinen zu bringen, schämen solltest du dich, grollt Björn und schaut mich erbost an. Wenn sie deinetwegen ihr zeichnerisches Talent an den Nagel hängt, und... sagen wir, Anwältin wird, ist das nur deine Schuld. Dafür hast du echt eine ordentliche Tracht Prügel verdient!

 

Alter, jetzt komm mal wieder runter, ja?! protestiere ich lautstark und trete instinktiv einen Schritt zurück. Wenn eine 6-jährige als Erwachsene keine Malerin wird, dann bestimmt nicht, weil ihr großer Bruder fies zu ihr war. Außerdem, wenn dein kleiner Bruder so heulen würde, wär dir das scheißegal!

Das ist was ganz anderes! Felix ist kein Mensch. Er ist eine Kreatur der Unterwelt, die meine Eltern in einem heidnischen Ritual beschworen haben, um mir langsam die Seele auszusaugen und dem Fürsten der Hölle zu opfern.

Okay, ich muß zugeben, das klingt nicht unvernünftig... Felix kann echt ’ne richtige Nervensäge sein. Auch wenn Max’ Bruder Tobi (und mittlerweile auch Max selber) das vollkommen anders zu sehen scheint.

Isabel dagegen ist ein Engelswesen von höchster Reinheit und Unschuld, ereifert sich Björn weiter, von den Himmeln entsandt, um der Menschheit Erlösung und Glückseligkeit zu bringen!

Das hingegen klingt jetzt eher wie das Gesabbel eines religiösen Fanatikers nach dem Genuß von ein paar Fässern Meßwein... sag mal, geht’s noch?! Ich wußte ja, daß Björn meine kleine Schwester niedlich findet, aber das finde ich jetzt echt beängstigend!

Bei solchen Verrückten hilft nur eines, um sie zu besänftigen – lächeln und nicken, lächeln und nicken!

Hör auf zu lächeln und zu nicken, als wär ich ein Verrückter, den du so besänftigen könntest! blafft er mich an und kommt bedrohlich auf mich zu.

Aber wenn du dich doch wie einer anhörst! Nervös schaue ich mich nach einer Fluchtmöglichkeit um, aber leider steht er zwischen mir und der Tür... es gibt keinen Ausweg!

 

Du weißt, was jetzt kommt, oder? Er zieht seinen – ziemlich groß und schwer aussehenden – Ledergürtel aus den Schlaufen seiner Jeans und grinst mich dabei boshaft an. Umdrehen und über den Tisch legen!

Ja, ich weiß, was jetzt kommt... natürlich befolge ich die Anweisung mal wieder ohne zu zögern, auch wenn ich das gar nicht will. Als wäre mein Körper ferngesteuert. Zuvor aber werfe ich ihm noch einen richtig bösen Blick zu – wenigstens mein Gesicht gehorcht mir noch!

Alter, das bekommst du SO zurück, ich schwör’s dir! grolle ich finster, während ich mich über den Küchentisch beuge, direkt neben dem jungfräulichen Blatt Papier, das Isabel vor sich liegen hat. Und dabei hoffe, daß meine Schwester nicht ausgerechnet jetzt ein Talent zur Geisterseherin entwickelt.

Schon recht, aber zuerst läßt du noch die Hosen runter!

What the fuck?! Das ist ja wohl der Gipfel an Niedertracht! Jetzt läßt er mich mein Hinterteil auch noch selber freilegen. Muß wohl nicht extra erwähnen, daß mein Körper, dieses feige, niederträchtige Kameradenschwein, der Aufforderung sofort nachkommt.

Einen Moment lang spüre ich das kalte Leder über meinen immer noch schmerzenden Arsch streichen... dann schlägt der Saukerl auch schon zu und taucht ihn in heißen, sengenden Schmerz. Einen Moment lang bleibt mir glatt die Luft weg, und ich muß mich beherrschen, nicht laut aufzuschreien.

Scheiße, hat der Kerl einen Schlag drauf – kann der Sack seine Muskelkraft nicht für was sinnvolleres nutzen? Ich frag mich, wie Max, dieses Weichei, das aushalten konnte, als Björn ihn an seinem Geburtstag im April rangenommen hat...

Schlag auf Schlag landet auf meinem Allerwertesten, und im Nu hat sich die Glut darauf erneut in einen verheerenden Flächenbrand verwandelt. Es dauert nicht lange, bis mir die Tränen in die Augen schießen, das ist einfach zuviel.

Irgendwie ironisch... gerade jetzt, wo meine Schwester ihre Tränen getrocknet hat, fängt ihr Bruder, der sie ihr eingebracht hat, erst richtig zu flennen an!

Hey, jetzt reicht’s aber mal langsam, oder?! Ich muß mich ernstlich bemühen, meine Stimme einigermaßen zu kontrollieren und nicht loszuschreien.

Finde ich gar nicht, du bettelst ja geradezu darum, so wie du dich immer aufführst, höre ich ihn von hinten. Mieser Dreckskerl!

 

Gute 6 oder 7 Hiebe zieht er mir noch über, dann läßt er seine Gürtel-Artillerie das Feuer endlich einstellen.

Endlich bekomme ich auch wieder die Kontrolle über meine Bewegungen zurück. Aber obwohl es mich in den Fingern juckt, mir meinen brennenden Hintern zu reiben, unterdrücke ich diesen Drang gewaltsam – den Spaß gönne ich ihm echt nicht!

Vorsichtig ziehe ich meine Pyjama-Hosen wieder hoch und drehe mich zu dem Kraftprotz herum, der gerade auf seine Uhr schaut.

So, ich würde vorschlagen, du gehst jetzt wieder nach oben und bereitest dich auf den Geist der zukünftigen Weihnacht vor, der dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Ist das nicht noch etwas zu früh? seufze ich und deute auf Isabel, die immer noch am Tisch sitzt und noch nicht daran zu denken scheint, ins Bett zu gehen. Und meine Eltern im Wohnzimmer tun das schätzungsweise auch nicht.

Björn winkt lässig ab. Ach wo, das regelt sich schon von allein! Sobald du oben bist, paßt die Zeitlinie wieder, wirst sehen.

Im vergeblichen Versuch, meinen steifbeinigen Gang zu übertünchen, schiebe ich mich an ihm vorbei, zur Tür hinaus und die Treppe hinauf. Erst als ich zurück in meinem Zimmer bin, gestatte ich mir, die Hosen wieder ein Stückweit herunter zu ziehen und wie wild mit beiden Händen die Flammen auf meinem Hintern auszureiben. Allzu erfolgreich bin ich damit nicht.

Wie Björn gesagt hat, ist es jetzt wieder ganz still im Haus, und als ich zur Tür hinaus spähe, sind alle Lichter aus.

Als ich unvermittelt laute Musik von draußen höre, fahre ich erschrocken zu der noch immer halb offen stehenden Balkontür herum. Draußen schwebt der Rentierschlitten, und darauf sitzen wild headbangend Björn und Hansi und schauen grinsend zu mir herüber. Und hören dazu dermaßen laut fetzige Mucke (hatte das Ding echt ein Radio?), daß sich eigentlich die halbe Nachbarschaft beschweren müßte.

HOHOHO! brüllt Hansi, der jetzt wieder seinen weißen Rauschebart trägt, lachend. Fröhliche Weihnachten dir und deinem Arsch!

Fickt euch, alle beide! rufe ich genervt zurück und knalle die Tür zu. Dann stapfe ich zu meinem Bett und hau mich wieder hin.

 

V. Der Geist der zukünftigen Weihnacht

 

Eine ganze Weile liege ich schon im Bett, aber das grausame Brennen unter meinem Hosenboden macht es mir einfach unmöglich, einzuschlafen. Daher bin ich dann auch wach, als der letzte Weihnachtsgeist eintrifft.

Ich hab nicht wirklich mitbekommen, wann er rein ist, er war wohl plötzlich da. Erst als plötzlich das Licht angeht, bemerke ich ihn. Eine dunkle Gestalt in einem schwarzen Kapuzenmantel steht neben der Tür, mit verschränkten Armen gegen die Wand gelehnt, und starrt mich an. Also... glaube ich. Unter der Kapuze ist kaum was zu erkennen.

Er sagt nichts, schaut mich nur an. Stößt sich von der Wand ab und bedeutet mir mit einer Handbewegung zu folgen.

Du bist dann wohl der Geist der zukünftigen Weihnacht, ja? frage ich überflüssigerweise.

Keine Erwiderung, nur dieses nervige herbei winken. Dieses Verhalten, kombiniert mit den Schmerzen auf meinem Arsch, trägt in keinster Weise dazu bei, meine Laune zu bessern.

Wärst du vielleicht so nett, mit mir zu reden? fauche ich ihn an, aber die Reaktion ist dieselbe. Ich werde wirklich wütend. Ich werd keinen Schritt tun, wenn du meinst, mich wie einen Hund kommandieren zu können! Sag mir klar, was du willst, oder hau ab!

Die Gestalt wendet sich mir ganz zu und greift sich an den Kopf. Na, was werd ich schon von dir wollen? Folgen sollst du mir natürlich!

Als ich die Reibeisen-Stimme höre, weiß ich auch sofort, wer es ist. So groß ist die Auswahl ja nicht mehr, und ohnehin gibt es unter meinen Kumpels nur einen, der noch dermaßen vom Stimmbruch gebeutelt wird wie Max.

 

Kann man das nicht einfach sagen? Und überhaupt, warum trägst du dieses alberne Ding?

Weil darum! entgegnet er finster. Eine typisch bayerische Antwort... und auch passend vorgebracht. Ich kenne keinen, der dermaßen kompromißlos im Dialekt redet wie Max. Jeder Stammtisch-Opa würde Tränen der Rührung vergießen. Der bringt’s sogar fertig, aus anderen Sprachen eingedeutschte Wörter so zu betonen, daß sie bayerisch klingen. Können wir jetzt endlich gehen? Ich hab nicht die ganze Nacht Zeit!

Nimm wenigstens die alberne Kapuze ab, ich will sehen können, mit wem ich rede! Ich greife nach dem Kapuzenteil und versuche, es ihm runter zu ziehen.

Hey, Finger weg, Mensch! faucht er und will sich mir entziehen. Ich zerre fester, und plötzlich löst sich der ganze Mantel und fliegt direkt davon. Und ich sehe, was Max darunter trägt... nämlich gar nichts. Splitterfasernackt steht der 14-jährige jetzt vor mir und schaut mich ungläubig an.

Ja sag mal, pack ich’s noch? schäumt er vor Wut. Ich glaub, du hast sie nicht mehr alle! Ich hab nur gesagt bekommen, daß ich irgend so einem hirnlosen Schwachkopf seine Zukunft zeigen soll – nicht, daß er mir die Kutte runter reißt. Ich frag gerne noch mal nach, aber vorher hau ich dich windelweich!

Hey, beruhig dich doch... beginne ich, überrascht von seinem Wutausbruch, und auch von seiner spartanischen Aufmachung... aber schon zu spät! Scharf fordert er mich auf, mich umzudrehen und zu bücken, und wie könnte es auch anders sein, mein Körper kommt dem Befehl umgehend nach. Verdammtes devotes Bückstück!

Max hält plötzlich ein Holzlineal in den Händen – wo hat er das eigentlich auf einmal her? Aus seinem Arschloch gezogen oder was? – und fängt flugs an, auf meinen eh schon geschundenen Hintern einzudreschen.

 

Ich hab Max schon ein paar mal mit so einem Ding vermöbelt, und es war immer recht effektiv; aber jetzt spür ich es zum ersten Mal selber und erfahre somit aus erster Hand, wie gemein weh es tun kann.

Gut, verglichen mit Björns Gürtel ist es eigentlich gar nicht so schlimm, aber nach dem, was mein Arsch heute schon einstecken mußte, bietet er einen fruchtbaren Boden für die Linealschläge.

Zum ersten Mal den Spieß umdrehend, heizt mir Max mächtig ein – wer hätte gedacht, daß dieser schlaffe Bursche so viel Kraft hat! Und ich kann leider nichts weiter tun, als mit den Händen fest meine Fußknöchel zu umklammern und darauf zu warten, daß ihm endlich die Puste ausgeht... leider Pustekuchen!

Nach einer gefühlten Ewigkeit scheint er dann aber doch genug davon zu haben, meinen Arsch zum glühen zu bringen, und ich kann mich wieder bewegen. Ächzend richte ich mich wieder auf, und mittlerweile tut meine Rückseite dermaßen weh, daß ich allen Stolz über Bord werfe und mit beiden Händen hektisch darüber reibe.

Ich wende mich meinem Peiniger zu, der mich finster anschaut. Ist das wirklich der Max, den ich damals in der ersten Grundschulklasse kennengelernt habe? Der ständig gut gelaunte und geradezu nervtötend fröhliche Max, der unfähig ist, eine SMS zu versenden, die nicht wenigstens einen Smiley pro Zeile enthält?

Ich frage mich, was für eine elefantengroße Laus dem über die Leber getrampelt sein muß, daß er so mies drauf ist. Daß ich ihm die Klamotten herunter gerissen habe, trägt wohl eher nicht die alleinige Schuld daran.

 

Das ist nicht dein übliches Arbeits-Outfit, oder? frage ich vorsichtig, als er sich gerade nach seiner Kutte umsieht.

Er schaut mich gereizt an. Nein, das ist nicht mein übliches Arbeits-Outfit! Ich trag das immer, wenn ich gerade mit Chris im Bett liege und plötzlich Taju anruft, um mich auf eine spontane Sonderschicht zu schicken! UND NEIN, ICH BIN NICHT VERÄRGERT DESWEGEN!!!

Ich ziehe eine Grimasse. Moment... du bist gerade von Chris genagelt worden, als dich dieser Typ hierher geschickt hat?

So in etwa, ja.

Ich glaub, mir wird schlecht...

Super, dann sind wir quitt! faucht er mich böse an. Putzt du dir eigentlich jemals die Zähne vor dem schlafengehen? Oder nach dem aufstehen? Oder überhaupt?

Mein Alter hatte es ziemlich eilig, mich loszuwerden, erwidere ich gereizt, mit einem Schulterzucken.

Er hat seine Kutte gefunden und streift sie schnell über. Wird schon gewußt haben, warum. Und jetzt laß uns gehen... je schneller wir die Sache über die Bühne bringen, desto eher bin ich wieder bei Chris im Bett!

Okay, kann ich nur vorher noch schnell ins Badezimmer?

Um dir die Zähne zu putzen?

Nein, um mich zu übergeben.

Er winkt drohend mit dem Lineal. Willst du noch einen Arschvoll?

Ähm... gehen wir.

Guter Junge!

 

Na gut, und wo ist dein VW-Käfer? frage ich seufzend und deute mit dem Kopf in Richtung Balkontür. Da draußen?

Er schaut mich überrascht an. Was denn für ein VW-Käfer?

Na, die benutzt ihr doch für eure Zeitreisen, oder? Ich werde schon wieder ungeduldig. Weil DeLorean nicht liefern wollte oder so...

Hast du sie noch alle? Wir sind hier nicht bei Zurück in die Zukunft, du Nerd! fährt er mich an, und ich verdrehe genervt die Augen. Bei dem Verein scheint echt jeder zu machen, was er will und wie er will. Wir machen das ganz lässig und gechillt, genau wie Hiro!

Wie wer bitte? Und dann fällt’s mir wieder ein – Hiro Nakamura, der schräge Japaner mit den Zeitreise-Superkräften aus Heroes, dieser SciFi-Serie, auf die Max so abfährt. Aber mich einen Nerd heißen, ist schon recht!

Und du willst diesen Kram auch können? frage ich mit Skeptikermiene.

Hand her, fordert er knapp, und widerwillig reiche ich sie ihm.

Einen Moment später befinden wir uns an einem völlig anderen Ort... und wohl auch in einer anderen Zeit, wie ich vermute. Komisch, hab gar nichts gespürt. Der Umgebungswechsel ist allerdings mehr als offensichtlich.

Wir stehen nicht mehr in meinem Zimmer, sondern in einem großen Raum mit einer festlich gedeckten Tafel; scheint zu einem Gasthaus zu gehören. Um besagte Tafel sitzen ’ne Menge alte Säcke, die sich fröhlich unterhalten, von denen ich aber keinen einzigen kenne. Obwohl, ein paar davon kommen mir irgendwie bekannt vor.

Das sind wir, 30 Jahre in der Zukunft, falls du’s nicht geschnallt haben solltest, bemerkt Max abfällig. Wovon ich ausgehe, um ehrlich zu sein.

 

Und tatsächlich erkenne ich jetzt so einige bekannte Gesichter! Als erstes natürlich Mike, weil er der einzige Schwarze am Tisch ist. Dann Björn, der sich mit 46 zu einem 2-Meter-Riesen entwickelt zu haben scheint, denn er sticht deutlich zwischen den anderen hervor. Auch Markus kann ich entdecken, und Thommy, der als Erwachsener tatsächlich Selbstbewußtsein entwickelt hat – wer hätt’s gedacht!

Ich kann aber nicht alle von uns sehen; Chris fehlt, und mein zukünftiges Alter Ego bemerke ich auch nirgends. Schade, gerade letzteres hätte mich interessiert...

Was mir aber gerade noch viel mehr mißfällt, ist die miese Laune, die Max an den Tag legt. Irgendwie komisch... manchmal nervt mich seine Fröhlichkeit dermaßen, daß ich mir wünsche, er möge doch mal schlecht drauf sein. Nun ist er’s, und das nervt mich sogar noch mehr!

Kannst du dich eigentlich mal wieder einkriegen?! motze ich ihn von der Seite an. Nur weil dieser Taju dich vom bumsen abgehalten hat, mußt du mir nicht so auf den Sack gehen! Ich hatte heute auch keinen Sex, und führe ich mich so auf?

Ooch, keinen Sex gehabt? schießt er sarkastisch zurück. Armer Junge, hatte deine Hand Migräne?

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