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Verbockt
Weihnachten bei Böcklers

by No Way Out

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Weihnachten bei Böcklers

oder

Es ist schließlich Weihnachten!

Das war ein gelungener Auftritt! Erst war ich skeptisch, ob ich einen ordentlichen Weihnachtsmann abgeben würde, aber ich wollte meinem Kollegen die Bitte nicht abschlagen. Seine Kinder waren aber auch zuckersüß. Der kleine Steppke hat sich ganz schüchtern am Bein seiner Mutter festgeklammert, aber als ich anfing, Geschenke aus meinem Jutesack zu holen, wurde er neugierig und hat sich doch zu mir getraut. Dagegen war die Sechsjährige richtig keck und hat mit etwas Hilfe von ihrem Papa sogar ein kurzes Gedicht aufgesagt.

Ach, das waren noch Zeiten, als meine drei so klein waren. Sogar Chris, unser Schwarzes Schaf, war mit einem Mal lammfromm, sobald er seinen Wunschzettel zum Nordpol geschickt hatte. An Heiligabend waren die Kinder so aufgeregt, dass meine Frau und ich unsere liebe Mühe hatten, sie mit Baumschmücken und Herumtoben im Garten abzulenken, sonst wären sie uns die Wände hochgelaufen. Wenn sie dann endlich ihre Geschenke auspacken durften, war der Jubel groß, und die leuchtenden Kinderaugen waren das Schönste am ganzen Fest.

Heutzutage muss ich darum kämpfen, dass die Bande überhaupt Weihnachten mit mir feiert. Natürlich hat sich mein Mittelkind mal wieder quergestellt. Chris wollte an Heiligabend unbedingt mit seiner neuen Freundin um die Häuser ziehen, aber ich habe ihm erklärt, dass ich an Weihnachten meine Familie um mich haben will. Da hat der Rotzlöffel mir glatt an den Kopf geworfen, ich würde mich anhören wie die spießige Mutter in dem Weihnachtssketch von Loriot! Pah, der Bursche soll sich mal selbst hören. Es war wie in einer Seifenoper, als er mir von seiner großen Liebe zu Lena vorgeschwärmt hat, die bis ans Ende aller Tage dauern würde. Wenn ich ihn zwänge, zu Hause zu bleiben, würde ich sein Glück zerstören, hat er gemeint.

Mit einem Fünfzehnjährigen zu diskutieren, ist schon schwierig genug, aber seit er verliebt ist, kann man überhaupt nicht mehr vernünftig mit ihm reden. Am Ende gab es einen Mordskrach, bis ich schließlich ein Machtwort gesprochen habe. Heiligabend wird mit der Familie verbracht. Punktum!

Was hätte ich sonst tun sollen? Ihm sagen, dass an Weihnachten die Menschen ihre Streitigkeiten vergessen und in Frieden miteinander leben sollten? Denkste, Puppe, nicht im Hause Böckler. Hm, naja, ich hätte mir vermutlich etwas mehr Mühe geben können, einen Kompromiss zu finden. Vielleicht bin ich in letzter Zeit auch tatsächlich ein bisschen zu anhänglich. Aber ich das Gefühl, meine Kinder leben nur noch neben mir her. Anne ist fast volljährig und will ausziehen, sobald sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Mein Jüngster startet mit zwölf gerade in die Pubertät und hat auch kein Interesse mehr daran, mit seinem alten Herrn abzuhängen. Bleibt noch Chris, der ständig nur mit seiner Tussi rumknutschen will. Natürlich sehe ich ein, dass die Kinder langsam flügge werden, aber andere Eltern haben wenigstens noch ihren Ehepartner, wenn das Nest leer ist. Nur ich stehe ohne meine Rasselbande ganz allein da.

Um wenigstens ein bisschen Zeit mit ihnen zu verbringen, habe ich Familientage eingeführt, einen Samstag alle zwei Monate, an dem wir alle gemeinsam etwas unternehmen. Schöne Idee, in der Praxis aber ein Flop. Es ist jedes Mal ein Drama, bis wir uns überhaupt auf einen Termin geeinigt haben, und Chris schafft es am Ende immer irgendwie, sich zu drücken.

Meine gute Stimmung verpufft, als ich mir ausmale, heute Abend mit einem beleidigten und liebeskranken Teenager vor dem Tannenbaum zu sitzen. Außerdem ist mir heiß. Warum habe ich nicht das Kostüm ausgezogen, bevor ich wieder ins Auto gestiegen bin? Draußen ist es bestimmt zwölf Grad warm, typisch für Weihnachten in Norddeutschland. An der roten Ampel befreie ich mich wenigstens von dem Kissen, das ich mir als dicken Bauch unter den Mantel gestopft habe und werfe es neben die Rute auf den Beifahrersitz.

Großartig, im Radio kommt schon wieder Last Christmas. Wenn ich das heute noch einmal hören muss, laufe ich Amok! Was für eine CD ist denn im Player? AC/DC. Na bitte, geht doch! Ich versuche, mich abzureagieren, indem ich im Takt auf das Lenkrad klopfe und mitsinge. T-N-T, I’m dynamite...

Was zum Teufel...? Das ist doch Chris, der da gerade aus dem Feldweg kommt und zur Bushaltestelle geht. Ist das zu fassen? Der Satansbraten hat gewartet, bis ich weg bin, damit er abhauen und sich mit Lena treffen kann. Obwohl ich ihm das ausdrücklich verboten habe! Was denkt der sich denn? Dass mir nicht auffällt, wenn nachher beim Weihnachtsessen eins von drei Kindern fehlt? Wohl kaum. Der Halunke weiß nur ganz genau, dass ich keine Chance habe, ihn in der Innenstadt aufzuspüren, wenn er einmal weg ist. Irgendwann muss er zwar zu Hause auftauchen, aber wahrscheinlich glaubt der Bursche ungeschoren davonzukommen, weil ich Skrupel habe, ihn an Weihnachten übers Knie zu legen. Oder er riskiert die Strafe, weil es ihm die Sache wert ist. Dann kann er sich hinterher auch noch vor seiner Freundin als Märtyrer hinstellen. Er heult sich sowieso ständig bei ihr aus, was für ein Tyrann ich bin.

Na warte, Schäfchen, aus dir mach ich Lammkoteletts! Ich steige auf die Bremse, reiße das Steuer herum und biege rasant in den Feldweg ein. Ganz dicht vor meinem Sohn komme ich zum Stehen. Als er unser Auto erkennt, steht er stocksteif da, wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Ich bewaffne mich mit der Rute und springe aus dem Wagen. Das bringt das Hirn meines Sprösslings auf Touren, und er rennt los.

Christoph Böckler, wenn du nicht sofort hierher kommst, brumm ich dir so viel Stubenarrest auf, dass du deine Flamme erst zu Ostern wiedersiehst!

Das wirkt. Widerwillig bleibt er stehen und schlurft zu mir zurück, so dass ich ihn am Kragen seiner Jacke packen kann. Als ich ihn zum vorderen Kotflügel bugsiere, weiß er, was die Stunde geschlagen hat.

Ey, jetzt sei doch nicht so, Paps. Es ist schließlich Weihnachten. Das Fest der Vergebung! Und der Nächstenliebe!

Von wegen! Das ganze Jahr lang rackere ich mich für meine Kinder ab, da kann ich wohl von ihm erwarten, diesen einen Tag mit seiner Familie zu verbringen! Mit der Rute tippe ich gegen sein Hosenbein. Runter damit!

Seine Augen werden groß wie Untertassen. Was, hier? Das geht nicht! Was ist, wenn jemand kommt?

Na und? Ich äffe ihn nach: Es ist schließlich Weihnachten! Er schaut mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Ich erkläre es ihm nur zu gern. Weiß doch jeder, dass an Heiligabend die unartigen Kinder die Rute des Weihnachtsmanns zu spüren kriegen.

In diesem Sinne kremple ich die Ärmel des roten Mantels hoch. Chris weiß genau, dass er sich noch tiefer in den Dreck reitet, wenn er nicht gleich spurt. Nervös schaut er sich um, ob wirklich niemand in der Nähe ist. Dann kapiert er, dass die Wahrscheinlichkeit für Zuschauer kleiner wird, je schneller er die Sache hinter sich bringt. In Windeseile zieht er seine Jeans und Boxershorts zu den Knien herunter und beugt sich über die Motorhaube.

Ich lege meine Hand in seinen Nacken und drücke ihn fest hinunter. Dann bekommt der Bengel meinen Zorn zu spüren. Dreimal schnell hintereinander zischt die Rute durch die Luft und landet auf seinem blanken Hintern. Ich höre ihn einmal aufjaulen, aber die üblichen frechen Sprüche bleiben aus. Verwundert lasse ich die Rute sinken.

Schon hat Chris sich von dem ersten Schock erholt und fängt an zu zetern. Bist du irre, mich mit so einem Mordinstrument zu foltern? Das Teil brennt wie Hulle! Das verstößt hundert Pro gegen die Genfer Konvention!

Ich denke gar nicht dran, das einer Antwort zu würdigen. Während ich ihn fest auf die Motorhaube presse, sehe ich mir das Ergebnis meiner Arbeit an. Dünne rote Linien ziehen sich kreuz und quer über beide Backen. Wer hätte gedacht, dass meine selbstgebastelte Rute sich nicht nur als Dekoration eignet, sondern auch praxistauglich ist?

Unterdessen pöbelt mein aufmüpfiger Spross weiter. Ist ja klar! Du predigst immer, dass wir uns vertragen und miteinander reden sollen, nur du lässt wieder den Diktator raushängen. Du versuchst nicht mal, mich zu verstehen. Dein scheinheiliges Geschwafel ist nichts als ein Riesenhaufen Bockmist!

Na warte, du Früchtchen! Ich habe dein ständiges Gemecker... ZWUTSCH ...und deine kindischen Wutanfälle endgültig satt! ZWUTSCH

Weihnachten ist ein Fest für die ganze... ZWUTSCH ...Familie!

Wir werden gemeinsam essen... ZWUTSCH ...und Bescherung machen!

Das wird ein richtig... ZWUTSCH ...gemütlicher... ZWUTSCH ...Abend! ZWUTSCH

Oh mein Gott, Chris hat Recht, ich klinge tatsächlich wie die Mutter in dem Loriot-Sketch! Vor lauter Schreck lasse ich ihn los. Er nutzt die Gelegenheit, mit ein paar Trippelschritten aus der Reichweite meiner Rute zu flüchten.

Mit bangem Blick schielt er zu mir herüber, während er vorsichtig mit den Händen über seinen glühenden Po streicht. Meine Wut verraucht, als ich sehe, wie der Junge gegen den Schmerz ankämpft und eine Träne aus dem Augenwinkel wegblinzelt. Ich schätze, am Heiligen Abend muss man sogar Schwarzen Schafen verzeihen. Außerdem habe ich die leise Hoffnung, dass mein Böckchen nicht ganz so lange schmollt, wenn ich es jetzt begnadige.

Ich sage Chris, dass er sich anziehen darf und öffne die Beifahrertür. Das Kissen auf dem Sitz lässt ihn stutzen. Wahrscheinlich glaubt er, dass ich von seinem Plan gewusst und ihm aufgelauert habe. Ich zeige ihm ein süffisantes Lächeln. Glaub du nur, dass ich dir einen Schritt voraus bin, dann überlegst du es dir zweimal, bevor du wieder ein krummes Ding drehst.

Um etwaige Fluchtgedanken im Keim zu ersticken, drohe ich die Höchststrafe an: Denk nicht mal dran, nachher aus dem Fenster zu klettern und doch noch stiften zu gehen, sonst gebe ich alle deine Weihnachtsgeschenke ans SOS Kinderdorf, das schwör ich dir!

* * * * *

Zu Hause läuft Chris in sein Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Das war’s dann wohl mit einem gemütlichen Abend im Kreis der Familie. Ich spiele mit dem Gedanken, ihn zu zwingen, aber das wäre wie mit brennenden Fackeln in einem Heuschober zu jonglieren.

Nach dem Essen schicke ich Gregor, um Chris wenigstens zur Bescherung zu holen, doch nicht einmal die Aussicht auf fette Beute lockt ihn aus seiner Höhle. Mir bleibt nichts übrig, als mit Anne und Gregor Weihnachten zu feiern. Wir drei veranstalten ein kleines Tennis-Turnier mit dem neuen Spiel, das Gregor für seine Wii bekommen hat. Es macht so viel Spaß, dass ich für eine Weile fast meinen Zoff mit Chris vergesse. Aber egal, wie schön der Baum geschmückt ist und wie hell die Kerzen funkeln, es ist kein richtiges Weihnachtsfest, wenn ein Kind fehlt.

Bevor ich ins Bett gehe, klopfe ich bei Chris. Wie ich ihn kenne, hat er sich inzwischen noch mehr in seinen Groll hineingesteigert, aber ich muss wenigstens versuchen, mich mit ihm zu versöhnen. Es ist doch Weihnachten!

Er liegt bäuchlings auf seinem Bett und hat den Kopf zwischen den Armen vergraben. Als er die Tür hört, hebt er den Kopf und ranzt mich an: Lass mich bloß in Ruhe!

Dass er sauer ist, habe ich erwartet, aber der Junge sieht total verheult aus. Da steckt mehr dahinter. Was ist denn los?

Lena hat mit mir Schluss gemacht. Das ist nur deine Schuld!

Halleluja, jetzt haben wir auch noch Liebeskummer! Und natürlich bin ich der Sündenbock. Was, nur weil ich dir verboten habe, sie heute zu treffen?

Logo! Ich habe sie versetzt, also glaubt sie, dass sie mir nicht wichtig ist. Das hat sie getextet!

Von wegen! Die Trulla hat bestimmt nur nach einem Grund gesucht, dem armen Kerl den Laufpass zu geben, das ist doch sonnenklar! Wie kann sie nur so herzlos sein, an Weihnachten mit ihm Schluss zu machen? Und das auch noch per Whatsapp! Fest der Liebe, am Arsch hängt der Hammer! Mein Lämmchen ist völlig am Boden zerstört, kein Wunder, so verknallt wie er war. Oje, tut mir leid...

Spar dir dein geheucheltes Mitleid! Jetzt hast du erreicht, was du wolltest. Die ganze Zeit hast du meine Beziehung immer nur sabotiert, weil du Lena nicht ausstehen kannst. Du hast mein Leben zerstört, herzlichen Dank auch!

Ich halte wirklich nicht viel von Lena. Seit er mit ihr zusammen ist, macht Chris kaum noch etwas für die Schule, und wenn er überhaupt mit mir redet, ist er immer nur pampig. Außerdem kommandiert seine Angebetete ihn die ganze Zeit herum und kümmert sich einen feuchten Kehricht um seine Wünsche. Von Anfang an hatte ich befürchtet, dass es nicht lange gutgehen würde. Nun ist mein Kleiner verletzt, und er ist längst nicht so taff, wie er alle glauben machen will. Ich streiche ihm über den Kopf. Ach Chris...

Er schlägt meine Hand zur Seite, und für einen Moment sieht es so aus, als wollte er mir an die Gurgel springen. Ich hab gesagt, verpiss dich! schreit er mich aus vollem Hals an. Puh, am besten trete ich erst einmal den Rückzug an.

* * * * *

Am nächsten Tag schlafen wir aus und frühstücken ausgiebig, aber wieder bleibt ein Platz leer. Wir wollen später zu meinem Bruder und seiner Familie nach Bremen fahren und dort auch meine Eltern treffen. Ich sage Chris Bescheid, dass wir um 14 Uhr loswollen, doch er weigert sich. Nach dieser Abfuhr warte ich eine Weile und schicke dann Anne, doch sie hat auch nicht mehr Glück. Er will niemanden sehen, und er will nie wieder was essen, sagt er. Und dass sein Leben in Trümmern liegt und alles sinnlos ist. Mit einem Augenrollen gibt sie ihren Kommentar zu den theatralischen Äußerungen ihres kleinen Bruders ab.

Danke für den Versuch. Hör mal, kannst du Oma und Opa anrufen, ob sie Gregor und dich mitnehmen können? Ich bleibe wohl besser mit Chris zu Hause.

Anne schaut mich fragend an. Sie weiß, wie enttäuscht ich gestern von unserem holperigen Weihnachtsfest war, und dass ich mich umso mehr auf die Familienfeier freue. Hilflos zucke ich die Schultern. Was soll ich sonst tun? Ich kann ihn doch nicht im Stich lassen.

Er wird sich sowieso nicht blicken lassen.

Trotzdem soll er wenigstens wissen, dass er nicht ganz allein ist. Das ist jedenfalls der eine Grund. Der zweite ist, dass ich meinem Sohnemann irgendeine hirnrissige Aktion zutraue, um seine Angebetete zurückzugewinnen. Nachdem er einmal aus einer spontanen Idee heraus einen Chemieraum verwüstet und ein anderes Mal einen Gabelstapler durch ein Warenlager gefahren hat, mag ich mir nicht ausdenken, was er sich in seiner Verzweiflung für einen Unfug ausdenken könnte.

Es lässt sich wohl nicht ändern, der erste Weihnachtstag fällt für Chris und mich ins Wasser. Ich bin froh, dass wenigstens Anne und Gregor mit ihren Verwandten feiern können, aber der Gedanke an ein leeres Haus und einen Abend allein vor dem Fernseher ist deprimierend. Es ist das fünfte Weihnachtsfest ohne meine Frau. Das erste Jahr war besonders schlimm, am meisten natürlich für die Kinder. Inzwischen kommen wir mit der Situation ganz gut klar, aber in Momenten schlägt die Einsamkeit wie eine Welle über mir zusammen. Bei der Vorstellung, heute Abend nicht einmal die Kinder